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EMDR-Behandlung: Ablauf, Nachwirkungen und Grenzen
19.10.2026 (aktualisiert am 19.10.2026)
balancio.at
Lesedauer: 10 min
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EMDR-Behandlung: Ablauf, Nachwirkungen und Grenzen
19.10.2026 (aktualisiert am 19.10.2026) | balancio.at
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Deine Therapeutin oder dein Therapeut schlägt EMDR vor, und du fragst dich, was in den Sitzungen passiert und wie es dir danach geht.
Hier erfährst du, wie eine EMDR-Behandlung Schritt für Schritt abläuft, welche Nachwirkungen möglich sind und wann zuerst etwas anderes Vorrang hat. Außerdem liest du, wer in Österreich mit EMDR behandelt, wie du die Qualifikation prüfst und wann die Krankenkasse zahlt.
So läuft eine EMDR-Behandlung ab
Eine EMDR-Behandlung folgt einem festen Ablauf in acht Phasen: Zuerst geht es um deine Vorgeschichte und um Wege, mit Belastung umzugehen, danach um die Bearbeitung einzelner Erinnerungen. Die EMDR-Therapie ist eine Methode, die vor allem innerhalb einer Psychotherapie eingesetzt wird, meist bei einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).
Die Phasen beschreibt das EMDR Institute, das die Methode verbreitet, so:
Vorgeschichte (Phase 1): In einem oder mehreren Gesprächen klärt die behandelnde Person, ob du für die Behandlung bereit bist, und plant sie mit dir. Gemeinsam wählt ihr belastende Erinnerungen und aktuelle Situationen aus, an denen ihr arbeitet.
Vorbereitung (Phase 2): Du lernst mehrere Wege, mit starker Belastung umzugehen, etwa Vorstellungsübungen und Techniken zum Stressabbau. Du kannst sie in der Sitzung und zwischen den Sitzungen anwenden.
Bearbeitung (Phasen 3 bis 6): Zu einer Erinnerung benennst du ein Bild, einen negativen Gedanken über dich selbst sowie die Gefühle und Körperempfindungen dazu. Dazu kommt ein positiver Gedanke, den du lieber über dich hättest. Dann denkst du an die Erinnerung und folgst gleichzeitig mit den Augen der Hand der behandelnden Person, die sich hin und her bewegt. Statt der Augenbewegungen sind auch Klopfen oder Töne möglich. Nach jeder kurzen Serie sagst du, was dir in den Sinn kommt. Das wiederholt sich, bis die Erinnerung nicht mehr belastet. Danach steht der positive Gedanke im Mittelpunkt.
Abschluss (Phase 7): Am Ende der Sitzung bittet dich die behandelnde Person, bis zum nächsten Termin aufzuschreiben, was zu dem Thema auftaucht.
Nachbewertung (Phase 8): Die nächste Sitzung beginnt mit einem Rückblick darauf, was sich bisher verändert hat.
Die britische Leitlinie NICE beschreibt EMDR für Erwachsene ähnlich: in Phasen und mit Wissen über Traumareaktionen. Dazu gehören Techniken zur Selbstberuhigung und gegen Flashbacks für die Zeit in und zwischen den Sitzungen. Typisch sind laut NICE 8 bis 12 Sitzungen, nach mehreren Traumata auch mehr. Die deutsche S3-Leitlinie zur PTBS hält es für möglich, traumafokussierte Therapie auch mehrmals pro Woche anzubieten, und bei entsprechendem Wunsch auch per Video, wenn Rahmen, Indikation und Risiken passen.
Frag schon zu Beginn, wie viele Sitzungen geplant sind und welche Beruhigungstechniken du für die Zeit zwischen den Terminen lernst.
Nach der Sitzung: Was passieren kann und was dann hilft
Auch nach einer Sitzung können Erinnerungen, Gedanken und Gefühle zum bearbeiteten Thema auftauchen. Der Ablauf rechnet damit: Dafür gibt es das Protokoll bis zum nächsten Termin und die Beruhigungstechniken aus der Vorbereitung.
Eine vorübergehende Verschlechterung nach einer Sitzung ist möglich, aber schlecht untersucht. Eine Übersichtsarbeit von 2026 hat 51 Studien zu EMDR bei PTBS durchgesehen. Nur neun erwähnten unerwünschte Wirkungen überhaupt, und nur eine erfasste sie nach festen Regeln. Wo Betroffene solche Wirkungen berichteten, waren sie meist leicht und vorübergehend.
Für traumafokussierte Therapien allgemein fand eine Übersicht über 23 Studien zur Mitte der Behandlung im Vergleich zu Kontrollgruppen keine Verschlechterung der PTBS-Beschwerden. Die Forschenden schließen aber nicht aus, dass es früher dazu kam oder dass Menschen mit Verschlechterung die Studien verlassen haben.
Ernster wird es, wenn die Konfrontation mit dem Trauma zu fr üh oder auf unpassende Weise kommt. Dann können sich die Beschwerden laut dem deutschen Institut IQWiG verstärken, etwa mit Selbstverletzungen, Panikstörungen, körperlichen Beschwerden oder dem Abspalten von Erinnerungen (dissoziative Störung). Traumafokussierte Therapien werden laut S3-Leitlinie offenbar häufiger abgebrochen als Therapien ohne Traumafokus, wirken gegen die PTBS-Beschwerden aber deutlich besser als diese.
Was dir zwischen den Sitzungen hilft:
Schreib auf, was auftaucht, wie es in Phase 7 vereinbart ist.
Nutze die Beruhigungstechniken, die du in der Vorbereitung gelernt hast.
Sag es zu Beginn der nächsten Sitzung, wenn es dir schlechter geht, statt still abzubrechen. In der Nachbewertung ist dafür Platz.
Kommen Gedanken an Suizid oder Selbstverletzung, warte nicht auf den nächsten Termin. Die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr unter 142, Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall rufst du die Rettung unter 144.
Passt EMDR für dich?
Am besten untersucht ist EMDR bei Erwachsenen mit einer PTBS. In manchen Lagen hat zuerst etwas anderes Vorrang, oder eine andere Methode ist besser untersucht.
Eher passend:
Du hast eine PTBS oder deutliche PTBS-Beschwerden, und das Erlebnis liegt mehr als drei Monate zurück. Dann empfiehlt NICE, Erwachsenen EMDR anzubieten, sofern das Trauma nicht aus einem Kampfeinsatz stammt. Liegt es ein bis drei Monate zurück, kommt EMDR laut NICE infrage, wenn du es dir wünschst.
Du möchtest dich mit dem Erlebten auseinandersetzen und bevorzugst EMDR. Die S3-Leitlinie zählt EMDR zu den besonders empfohlenen traumafokussierten Methoden und rät, nach einer Aufklärung über die Möglichkeiten die Wünsche der Patient:innen zu berücksichtigen.
Bei Kindern und Jugendlichen: Am besten untersucht ist hier die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Für EMDR gibt es laut S3-Leitlinie ebenfalls Belege bei Kindern und Jugendlichen von 4 bis 18 Jahren. NICE zieht EMDR bei 7- bis 17-Jährigen nur in Betracht, wenn die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie nicht geholfen hat oder nicht angenommen wurde.
Zuerst gründlich klären:
Suizidgedanken, Psychose oder Kontakt zur Täterin oder zum Täter: Das österreichische Gesundheitsportal hält eine direkte Auseinandersetzung mit dem Trauma bei akuter Suizidgefahr, einer Psychose oder fortgesetztem Täterkontakt für nicht angezeigt. Die neuere deutsche S3-Leitlinie ist differenzierter: Bei akuter Suizidgefahr rät auch sie zu einer vorbereitenden Phase. Suizidgedanken, psychotische Symptome oder Selbstverletzung allein sind für sie aber kein Grund, auf traumafokussierte Therapie zu verzichten, solange die Person ihr Verhalten noch steuern kann. Ist das nicht der Fall, wird zuerst daran gearbeitet. Besteht ein ernstes Risiko, gehört laut NICE ein Sicherheitsplan an den Anfang der Behandlung.
Komplexe PTBS: Nach lang andauernden oder wiederholten Traumata rät die S3-Leitlinie zu einem Vorgehen in mehreren Phasen. Neben der Arbeit an den Erinnerungen geht es dann auch um den Umgang mit Gefühlen, das Selbstwertgefühl und Beziehungen.
Dein Alltag ist gerade nicht stabil: Wer seine Gefühle noch kaum steuern kann oder kein geregeltes Alltagsleben hat, ist laut IQWiG oft noch nicht bereit für die Konfrontation. Dann werden zuerst diese Probleme angegangen.
Ein laufendes Gerichtsverfahren: Die britische Leitlinie NICE und die deutsche S3-Leitlinie raten, eine Behandlung nicht allein deshalb aufzuschieben. Besprich den Zeitpunkt trotzdem vorher mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten. Bist du Opfer einer Straftat, findest du Hilfen wie die Prozessbegleitung im Artikel zu PTBS.
Ein anderes Anliegen als PTBS: Für andere psychische Beschwerden reichen die Studien laut einer Übersicht von 2020 nicht aus, um EMDR zu empfehlen. Auch zur Sicherheit von EMDR außerhalb der PTBS ist laut der Übersicht von 2026 wenig bekannt. Frag nach, warum gerade EMDR vorgeschlagen wird.
Eine eigene Stabilisierungsphase vor dem Start ist bei Erwachsenen mit PTBS laut S3-Leitlinie nicht generell nötig. Das Gesundheitsportal beschreibt dagegen grundsätzlich drei Phasen der Traumatherapie mit Stabilisierung am Anfang. Frag deshalb, wie deine Behandlung aufgebaut ist und warum.
Wirkung: gut untersucht bei PTBS, Augenbewegungen umstritten
Bei einer PTBS gehören die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und EMDR laut WHO zu den Behandlungen mit den meisten Belegen. Laut IQWiG hat etwa die Hälfte der Betroffenen nach einer solchen Therapie keine PTBS mehr, bei anderen werden die Beschwerden zumindest gelindert. Sie hilft aber nicht in jedem Fall.
Die Qualität vieler Studien ist begrenzt. In ihrer Auswertung von 2023 stuft die WHO die Sicherheit der Belege für EMDR im Vergleich zu Wartelisten als niedrig ein. Eine Übersicht von 2020 fand unter 27 ausgewerteten Studien nur vier, die methodisch gut abgesichert waren (geringes Verzerrungsrisiko). In diesen guten Studien war EMDR anderen Therapien nicht mehr überlegen. Eine Auswertung von 2024 mit den Daten jeder einzelnen von 346 Teilnehmenden fand ebenfalls keinen Unterschied zu anderen psychologischen Behandlungen.
Ob die Augenbewegungen selbst etwas beitragen, ist umstritten. Laut IQWiG nimmt man an, dass sie die Verarbeitung erleichtern. Eine Auswertung von 2013 fand in Therapiestudien einen mäßigen zusätzlichen Effekt, eine frühere Auswertung hatte keinen gefunden.
Für dich heißt das: Ob EMDR oder eine traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie besser wirkt, ist offen. Wähle mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten die Methode, die zu dir passt und die sie oder er gut beherrscht.
Wer in Österreich mit EMDR behandelt
EMDR gehört in die Hände eines Gesundheitsberufs. Das Gesundheitsportal rät bei einer Traumatherapie zu Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen oder Klinischen Psycholog:innen, denn eine unsachgemäße Traumabehandlung kann schaden. Der Begriff „Traumatherapie“ ist nicht geschützt, und EMDR steht nicht auf der Liste der in Österreich anerkannten Psychotherapiemethoden. Fachleute setzen es innerhalb einer Psychotherapie oder einer anderen Behandlung ein.
Geschützt sind dagegen die Berufsbezeichnungen:
Psychotherapeut:innen dürfen nach dem Psychotherapiegesetz 2024 nur selbständig arbeiten, wenn sie in die Berufsliste eingetragen sind. Bezeichnungen, die eine solche Berechtigung vortäuschen, sind verboten.
Klinische Psycholog:innen müssen in die Liste der Klinischen Psycholog:innen eingetragen sein. Zu ihrem Beruf gehört laut Psychologengesetz 2013 die Behandlung von psychischen Veränderungen und Leidenszuständen.
Ärzt:innen mit Bezug zur Psyche sind etwa Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin oder Ärzt:innen mit dem ÖÄK-Diplom Psychotherapeutische Medizin.
Beide Listen kannst du online prüfen: die Berufsliste der Psychotherapeut:innen unter psychotherapie.ehealth.gv.at und die Liste der Klinischen Psycholog:innen unter klinischepsychologie.ehealth.gv.at. Ärzt:innen findest du über die Arztsuche der Ärztekammer, auch nach ÖÄK-Diplomen.
Für EMDR selbst zählt zusätzlich die Ausbildung. Laut NICE soll EMDR nach einem geprüften Handbuch ablaufen und von eigens geschulten Fachleuten mit laufender Supervision angeboten werden. Das Gesundheitsportal rät, auf eine traumaspezifische Zusatzqualifikation zu achten. Frag deshalb im Erstgespräch, wo die Person EMDR gelernt hat und ob sie ihre Arbeit regelmäßig in Supervision bespricht.
Zahlt die Kasse, wenn EMDR Teil der Behandlung ist?
Die Kasse zahlt nicht nach Methode, sondern nach Art der Behandlung. Für EMDR zählt deshalb, ob es innerhalb einer Psychotherapie, einer klinisch-psychologischen oder einer ärztlichen Behandlung eingesetzt wird. Voraussetzung ist bei Psychotherapie und klinisch-psychologischer Behandlung eine psychische Störung mit Krankheitswert. Für die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) gilt:
Psychotherapie: Bei Vertragspartner:innen der ÖGK übernimmt die Kasse die Kosten, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind. Freiberufliche Psychotherapeut:innen ohne Vertrag legen ihr Honorar selbst fest. Du zahlst zuerst und bekommst einen fixen Kostenzuschuss.
Klinisch-psychologische Behandlung: Seit 2026 ist sie bei der ÖGK eine Kassenleistung. Plätze vermittelt eine bundesweite Servicestelle unter 0800 10 02 03. Gehst du privat zu einer Klinischen Psychologin oder einem Klinischen Psychologen, zahlt die ÖGK einen Zuschuss, etwa 33,70 Euro für eine Einzelsitzung von 60 Minuten.
Ärztliche Behandlung: Notwendige und zweckmäßige Behandlungen übernimmt die Sozialversicherung. Bei manchen Leistungen fällt ein Selbstbehalt an.
Bei Psychotherapie und klinisch-psychologischer Behandlung brauchst du vor der zweiten Sitzung eine ärztliche Untersuchung. Ab der 11. Sitzung ist eine Bewilligung der ÖGK nötig. Weil NICE meist 8 bis 12 EMDR-Sitzungen nennt, können die zehn bewilligungsfreien Sitzungen knapp werden. Heb alle Honorarnoten auf und frag früh nach dem Bewilligungsantrag. Den Vertrag für die klinisch-psychologische Behandlung haben laut ÖGK auch SVS und BVAEB abgeschlossen. Bist du dort versichert, frag nach den Regeln für Psychotherapie.
Was jetzt tun?
Lass deine Beschwerden ärztlich abklären, etwa bei deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Diese Untersuchung brauchst du ohnehin für einen Kassenzuschuss.
Prüfe die Berufsberechtigung in der Berufsliste der Psychotherapeut:innen oder in der Liste der Klinischen Psycholog:innen.
Frag im Erstgespräch nach der EMDR-Ausbildung, nach Supervision, nach der geplanten Zahl der Sitzungen und nach Beruhigungstechniken für zwischendurch.
Kläre die Kosten mit deiner Kasse. Für einen Kassenplatz in klinisch-psychologischer Behandlung ist die Servicestelle unter 0800 10 02 03 zuständig.
In einer akuten Krise erreichst du die Telefonseelsorge unter 142 und Rat auf Draht unter 147. Im Notfall wähl 144.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.
Deine Therapeutin oder dein Therapeut schlägt EMDR vor, und du fragst dich, was in den Sitzungen passiert und wie es dir danach geht.
Hier erfährst du, wie eine EMDR-Behandlung Schritt für Schritt abläuft, welche Nachwirkungen möglich sind und wann zuerst etwas anderes Vorrang hat. Außerdem liest du, wer in Österreich mit EMDR behandelt, wie du die Qualifikation prüfst und wann die Krankenkasse zahlt.
So läuft eine EMDR-Behandlung ab
Eine EMDR-Behandlung folgt einem festen Ablauf in acht Phasen: Zuerst geht es um deine Vorgeschichte und um Wege, mit Belastung umzugehen, danach um die Bearbeitung einzelner Erinnerungen. Die EMDR-Therapie ist eine Methode, die vor allem innerhalb einer Psychotherapie eingesetzt wird, meist bei einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).
Die Phasen beschreibt das EMDR Institute, das die Methode verbreitet, so:
Vorgeschichte (Phase 1): In einem oder mehreren Gesprächen klärt die behandelnde Person, ob du für die Behandlung bereit bist, und plant sie mit dir. Gemeinsam wählt ihr belastende Erinnerungen und aktuelle Situationen aus, an denen ihr arbeitet.
Vorbereitung (Phase 2): Du lernst mehrere Wege, mit starker Belastung umzugehen, etwa Vorstellungsübungen und Techniken zum Stressabbau. Du kannst sie in der Sitzung und zwischen den Sitzungen anwenden.
Bearbeitung (Phasen 3 bis 6): Zu einer Erinnerung benennst du ein Bild, einen negativen Gedanken über dich selbst sowie die Gefühle und Körperempfindungen dazu. Dazu kommt ein positiver Gedanke, den du lieber über dich hättest. Dann denkst du an die Erinnerung und folgst gleichzeitig mit den Augen der Hand der behandelnden Person, die sich hin und her bewegt. Statt der Augenbewegungen sind auch Klopfen oder Töne möglich. Nach jeder kurzen Serie sagst du, was dir in den Sinn kommt. Das wiederholt sich, bis die Erinnerung nicht mehr belastet. Danach steht der positive Gedanke im Mittelpunkt.
Abschluss (Phase 7): Am Ende der Sitzung bittet dich die behandelnde Person, bis zum nächsten Termin aufzuschreiben, was zu dem Thema auftaucht.
Nachbewertung (Phase 8): Die nächste Sitzung beginnt mit einem Rückblick darauf, was sich bisher verändert hat.
Die britische Leitlinie NICE beschreibt EMDR für Erwachsene ähnlich: in Phasen und mit Wissen über Traumareaktionen. Dazu gehören Techniken zur Selbstberuhigung und gegen Flashbacks für die Zeit in und zwischen den Sitzungen. Typisch sind laut NICE 8 bis 12 Sitzungen, nach mehreren Traumata auch mehr. Die deutsche S3-Leitlinie zur PTBS hält es für möglich, traumafokussierte Therapie auch mehrmals pro Woche anzubieten, und bei entsprechendem Wunsch auch per Video, wenn Rahmen, Indikation und Risiken passen.
Frag schon zu Beginn, wie viele Sitzungen geplant sind und welche Beruhigungstechniken du für die Zeit zwischen den Terminen lernst.
Nach der Sitzung: Was passieren kann und was dann hilft
Auch nach einer Sitzung können Erinnerungen, Gedanken und Gefühle zum bearbeiteten Thema auftauchen. Der Ablauf rechnet damit: Dafür gibt es das Protokoll bis zum nächsten Termin und die Beruhigungstechniken aus der Vorbereitung.
Eine vorübergehende Verschlechterung nach einer Sitzung ist möglich, aber schlecht untersucht. Eine Übersichtsarbeit von 2026 hat 51 Studien zu EMDR bei PTBS durchgesehen. Nur neun erwähnten unerwünschte Wirkungen überhaupt, und nur eine erfasste sie nach festen Regeln. Wo Betroffene solche Wirkungen berichteten, waren sie meist leicht und vorübergehend.
Für traumafokussierte Therapien allgemein fand eine Übersicht über 23 Studien zur Mitte der Behandlung im Vergleich zu Kontrollgruppen keine Verschlechterung der PTBS-Beschwerden. Die Forschenden schließen aber nicht aus, dass es früher dazu kam oder dass Menschen mit Verschlechterung die Studien verlassen haben.
Ernster wird es, wenn die Konfrontation mit dem Trauma zu früh oder auf unpassende Weise kommt. Dann können sich die Beschwerden laut dem deutschen Institut IQWiG verstärken, etwa mit Selbstverletzungen, Panikstörungen, körperlichen Beschwerden oder dem Abspalten von Erinnerungen (dissoziative Störung). Traumafokussierte Therapien werden laut S3-Leitlinie offenbar häufiger abgebrochen als Therapien ohne Traumafokus, wirken gegen die PTBS-Beschwerden aber deutlich besser als diese.
Was dir zwischen den Sitzungen hilft:
Schreib auf, was auftaucht, wie es in Phase 7 vereinbart ist.
Nutze die Beruhigungstechniken, die du in der Vorbereitung gelernt hast.
Sag es zu Beginn der nächsten Sitzung, wenn es dir schlechter geht, statt still abzubrechen. In der Nachbewertung ist dafür Platz.
Kommen Gedanken an Suizid oder Selbstverletzung, warte nicht auf den nächsten Termin. Die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr unter 142, Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall rufst du die Rettung unter 144.
Passt EMDR für dich?
Am besten untersucht ist EMDR bei Erwachsenen mit einer PTBS. In manchen Lagen hat zuerst etwas anderes Vorrang, oder eine andere Methode ist besser untersucht.
Eher passend:
Du hast eine PTBS oder deutliche PTBS-Beschwerden, und das Erlebnis liegt mehr als drei Monate zurück. Dann empfiehlt NICE, Erwachsenen EMDR anzubieten, sofern das Trauma nicht aus einem Kampfeinsatz stammt. Liegt es ein bis drei Monate zurück, kommt EMDR laut NICE infrage, wenn du es dir wünschst.
Du möchtest dich mit dem Erlebten auseinandersetzen und bevorzugst EMDR. Die S3-Leitlinie zählt EMDR zu den besonders empfohlenen traumafokussierten Methoden und rät, nach einer Aufklärung über die Möglichkeiten die Wünsche der Patient:innen zu berücksichtigen.
Bei Kindern und Jugendlichen: Am besten untersucht ist hier die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Für EMDR gibt es laut S3-Leitlinie ebenfalls Belege bei Kindern und Jugendlichen von 4 bis 18 Jahren. NICE zieht EMDR bei 7- bis 17-Jährigen nur in Betracht, wenn die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie nicht geholfen hat oder nicht angenommen wurde.
Zuerst gründlich klären:
Suizidgedanken, Psychose oder Kontakt zur Täterin oder zum Täter: Das österreichische Gesundheitsportal hält eine direkte Auseinandersetzung mit dem Trauma bei akuter Suizidgefahr, einer Psychose oder fortgesetztem Täterkontakt für nicht angezeigt. Die neuere deutsche S3-Leitlinie ist differenzierter: Bei akuter Suizidgefahr rät auch sie zu einer vorbereitenden Phase. Suizidgedanken, psychotische Symptome oder Selbstverletzung allein sind für sie aber kein Grund, auf traumafokussierte Therapie zu verzichten, solange die Person ihr Verhalten noch steuern kann. Ist das nicht der Fall, wird zuerst daran gearbeitet. Besteht ein ernstes Risiko, gehört laut NICE ein Sicherheitsplan an den Anfang der Behandlung.
Komplexe PTBS: Nach lang andauernden oder wiederholten Traumata rät die S3-Leitlinie zu einem Vorgehen in mehreren Phasen. Neben der Arbeit an den Erinnerungen geht es dann auch um den Umgang mit Gefühlen, das Selbstwertgefühl und Beziehungen.
Dein Alltag ist gerade nicht stabil: Wer seine Gefühle noch kaum steuern kann oder kein geregeltes Alltagsleben hat, ist laut IQWiG oft noch nicht bereit für die Konfrontation. Dann werden zuerst diese Probleme angegangen.
Ein laufendes Gerichtsverfahren: Die britische Leitlinie NICE und die deutsche S3-Leitlinie raten, eine Behandlung nicht allein deshalb aufzuschieben. Besprich den Zeitpunkt trotzdem vorher mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten. Bist du Opfer einer Straftat, findest du Hilfen wie die Prozessbegleitung im Artikel zu PTBS.
Ein anderes Anliegen als PTBS: Für andere psychische Beschwerden reichen die Studien laut einer Übersicht von 2020 nicht aus, um EMDR zu empfehlen. Auch zur Sicherheit von EMDR außerhalb der PTBS ist laut der Übersicht von 2026 wenig bekannt. Frag nach, warum gerade EMDR vorgeschlagen wird.
Eine eigene Stabilisierungsphase vor dem Start ist bei Erwachsenen mit PTBS laut S3-Leitlinie nicht generell nötig. Das Gesundheitsportal beschreibt dagegen grundsätzlich drei Phasen der Traumatherapie mit Stabilisierung am Anfang. Frag deshalb, wie deine Behandlung aufgebaut ist und warum.
Wirkung: gut untersucht bei PTBS, Augenbewegungen umstritten
Bei einer PTBS gehören die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und EMDR laut WHO zu den Behandlungen mit den meisten Belegen. Laut IQWiG hat etwa die Hälfte der Betroffenen nach einer solchen Therapie keine PTBS mehr, bei anderen werden die Beschwerden zumindest gelindert. Sie hilft aber nicht in jedem Fall.
Die Qualität vieler Studien ist begrenzt. In ihrer Auswertung von 2023 stuft die WHO die Sicherheit der Belege für EMDR im Vergleich zu Wartelisten als niedrig ein. Eine Übersicht von 2020 fand unter 27 ausgewerteten Studien nur vier, die methodisch gut abgesichert waren (geringes Verzerrungsrisiko). In diesen guten Studien war EMDR anderen Therapien nicht mehr überlegen. Eine Auswertung von 2024 mit den Daten jeder einzelnen von 346 Teilnehmenden fand ebenfalls keinen Unterschied zu anderen psychologischen Behandlungen.
Ob die Augenbewegungen selbst etwas beitragen, ist umstritten. Laut IQWiG nimmt man an, dass sie die Verarbeitung erleichtern. Eine Auswertung von 2013 fand in Therapiestudien einen mäßigen zusätzlichen Effekt, eine frühere Auswertung hatte keinen gefunden.
Für dich heißt das: Ob EMDR oder eine traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie besser wirkt, ist offen. Wähle mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten die Methode, die zu dir passt und die sie oder er gut beherrscht.
Wer in Österreich mit EMDR behandelt
EMDR gehört in die Hände eines Gesundheitsberufs. Das Gesundheitsportal rät bei einer Traumatherapie zu Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen oder Klinischen Psycholog:innen, denn eine unsachgemäße Traumabehandlung kann schaden. Der Begriff „Traumatherapie“ ist nicht geschützt, und EMDR steht nicht auf der Liste der in Österreich anerkannten Psychotherapiemethoden. Fachleute setzen es innerhalb einer Psychotherapie oder einer anderen Behandlung ein.
Geschützt sind dagegen die Berufsbezeichnungen:
Psychotherapeut:innen dürfen nach dem Psychotherapiegesetz 2024 nur selbständig arbeiten, wenn sie in die Berufsliste eingetragen sind. Bezeichnungen, die eine solche Berechtigung vortäuschen, sind verboten.
Klinische Psycholog:innen müssen in die Liste der Klinischen Psycholog:innen eingetragen sein. Zu ihrem Beruf gehört laut Psychologengesetz 2013 die Behandlung von psychischen Veränderungen und Leidenszuständen.
Ärzt:innen mit Bezug zur Psyche sind etwa Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin oder Ärzt:innen mit dem ÖÄK-Diplom Psychotherapeutische Medizin.
Beide Listen kannst du online prüfen: die Berufsliste der Psychotherapeut:innen unter psychotherapie.ehealth.gv.at und die Liste der Klinischen Psycholog:innen unter klinischepsychologie.ehealth.gv.at. Ärzt:innen findest du über die Arztsuche der Ärztekammer, auch nach ÖÄK-Diplomen.
Für EMDR selbst zählt zusätzlich die Ausbildung. Laut NICE soll EMDR nach einem geprüften Handbuch ablaufen und von eigens geschulten Fachleuten mit laufender Supervision angeboten werden. Das Gesundheitsportal rät, auf eine traumaspezifische Zusatzqualifikation zu achten. Frag deshalb im Erstgespräch, wo die Person EMDR gelernt hat und ob sie ihre Arbeit regelmäßig in Supervision bespricht.
Zahlt die Kasse, wenn EMDR Teil der Behandlung ist?
Die Kasse zahlt nicht nach Methode, sondern nach Art der Behandlung. Für EMDR zählt deshalb, ob es innerhalb einer Psychotherapie, einer klinisch-psychologischen oder einer ärztlichen Behandlung eingesetzt wird. Voraussetzung ist bei Psychotherapie und klinisch-psychologischer Behandlung eine psychische Störung mit Krankheitswert. Für die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) gilt:
Psychotherapie: Bei Vertragspartner:innen der ÖGK übernimmt die Kasse die Kosten, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind. Freiberufliche Psychotherapeut:innen ohne Vertrag legen ihr Honorar selbst fest. Du zahlst zuerst und bekommst einen fixen Kostenzuschuss.
Klinisch-psychologische Behandlung: Seit 2026 ist sie bei der ÖGK eine Kassenleistung. Plätze vermittelt eine bundesweite Servicestelle unter 0800 10 02 03. Gehst du privat zu einer Klinischen Psychologin oder einem Klinischen Psychologen, zahlt die ÖGK einen Zuschuss, etwa 33,70 Euro für eine Einzelsitzung von 60 Minuten.
Ärztliche Behandlung: Notwendige und zweckmäßige Behandlungen übernimmt die Sozialversicherung. Bei manchen Leistungen fällt ein Selbstbehalt an.
Bei Psychotherapie und klinisch-psychologischer Behandlung brauchst du vor der zweiten Sitzung eine ärztliche Untersuchung. Ab der 11. Sitzung ist eine Bewilligung der ÖGK nötig. Weil NICE meist 8 bis 12 EMDR-Sitzungen nennt, können die zehn bewilligungsfreien Sitzungen knapp werden. Heb alle Honorarnoten auf und frag früh nach dem Bewilligungsantrag. Den Vertrag für die klinisch-psychologische Behandlung haben laut ÖGK auch SVS und BVAEB abgeschlossen. Bist du dort versichert, frag nach den Regeln für Psychotherapie.
Was jetzt tun?
Lass deine Beschwerden ärztlich abklären, etwa bei deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Diese Untersuchung brauchst du ohnehin für einen Kassenzuschuss.
Prüfe die Berufsberechtigung in der Berufsliste der Psychotherapeut:innen oder in der Liste der Klinischen Psycholog:innen.
Frag im Erstgespräch nach der EMDR-Ausbildung, nach Supervision, nach der geplanten Zahl der Sitzungen und nach Beruhigungstechniken für zwischendurch.
Kläre die Kosten mit deiner Kasse. Für einen Kassenplatz in klinisch-psychologischer Behandlung ist die Servicestelle unter 0800 10 02 03 zuständig.
In einer akuten Krise erreichst du die Telefonseelsorge unter 142 und Rat auf Draht unter 147. Im Notfall wähl 144.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.
Psychological therapies for chronic post-traumatic stress disorder (PTSD) in adults – Bisson JI u. a., Cochrane Database Syst Rev 2013 (PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24338345/ (abgerufen 2026-10-19)
Eye movement desensitization and reprocessing for mental health problems: a systematic review and meta-analysis – Cuijpers P u. a., Cogn Behav Ther 2020 (PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32043428/ (abgerufen 2026-10-19)
EMDR v. other psychological therapies for PTSD: a systematic review and individual participant data meta-analysis – Wright SL u. a., Psychol Med 2024 (PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38173121/ (abgerufen 2026-10-19)
A meta-analysis of the contribution of eye movements in processing emotional memories – Lee CW, Cuijpers P, J Behav Ther Exp Psychiatry 2013 (PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23266601/ (abgerufen 2026-10-19)
Adverse effects of Eye Movement Desensitization and Reprocessing therapy: A neglected but urgent area of inquiry – van Schie K, van Veen SC, Curr Opin Psychol 2026 (PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40929963/ (abgerufen 2026-10-19)
A systematic review and meta-analysis of PTSD symptoms at mid-treatment during trauma-focused treatment for PTSD – Purnell L u. a., J Anxiety Disord 2024 (PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39270371/ (abgerufen 2026-10-19)