Bei dissoziativen Störungen ist das normale Zusammenspiel von Erinnerung, Identität, Wahrnehmung, Gefühlen und Kontrolle über den Körper unwillkürlich unterbrochen. Sie hängen meist mit überwältigendem Stress oder Traumata zusammen. Eine Diagnose mit dem Namen „dissoziative Angststörung“ gibt es in den Klassifikationen ICD-10 und ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation nicht.
Was ist Dissoziation?
Kurze Momente der Dissoziation kennen viele Menschen. Wer gedankenverloren Auto fährt, kann sich danach manchmal nicht an die Strecke erinnern, ohne dass dies den Alltag stört. Auch während oder kurz nach einem Trauma kann Dissoziation auftreten: Betroffene erleben sich selbst oder die Umgebung als unwirklich, ihr Zeiterleben verändert sich, sie fühlen sich abwesend und „leer“.
Von einer dissoziativen Störung sprechen Fachleute, wenn solche Unterbrechungen unwillkürlich auftreten, sich nicht besser durch eine andere Erkrankung, Substanzen oder Medikamente erklären lassen und das Leben deutlich beeinträchtigen. Zustände, die zu einer anerkannten kulturellen, religiösen oder spirituellen Praxis gehören, zählen nicht dazu.
Woher kommt der Begriff?
Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Trennung oder Abspaltung. Der Philosoph und Arzt Pierre Janet beschrieb Dissoziation Ende des 19. Jahrhunderts als gestörtes Zusammenspiel seelischer Funktionen. Er arbeitete mit Jean-Martin Charcot an der Salpêtrière und erforschte die damals so genannte Hysterie. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzichtet heute wegen seiner vielen Bedeutungen auf das Wort „Hysterie“ und fasst die früher so bezeichneten Störungen als „dissoziativ“ zusammen.
Welche dissoziativen Störungen gibt es?
Bei der dissoziativen Amnesie fehlen wichtige persönliche Erinnerungen, meist an belastende oder traumatische Ereignisse, und zwar weit mehr als durch gewöhnliches Vergessen. Die Lücken können Minuten bis Jahrzehnte umfassen. Bei der seltenen dissoziativen Identitätsstörung, früher multiple Persönlichkeitsstörung genannt, übernehmen abwechselnd zwei oder mehr Persönlichkeitszustände die Kontrolle, oft mit Erinnerungslücken. Bei der Depersonalisations-Derealisationsstörung erleben sich Menschen anhaltend oder wiederholt als fremd oder die Umgebung als unwirklich und fern.
Die ICD-11 der WHO zählt außerdem Lähmungen, Empfindungsstörungen oder Anfälle dazu, die zu keiner bekannten Erkrankung des Nervensystems passen, sowie unwillkürliche Trance- und Besessenheitszustände. Die deutschen Bezeichnungen der ICD-11 sind hier sinngemäß übersetzt. In der in Österreich verwendeten ICD-10 heißt die Gruppe „Dissoziative Störungen [Konversionsstörungen]“. Die Depersonalisation steht dort bei den „anderen neurotischen Störungen“.
Gibt es eine „dissoziative Angststörung“?
In der ICD-10-Gruppe der neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen und in den ICD-11-Gruppen für Angst- und dissoziative Störungen findet sich keine Diagnose dieses Namens. Angststörungen sind in beiden Klassifikationen eigene Diagnosen. In der ICD-10 gehören Angst- und dissoziative Störungen zwar zur selben großen Gruppe F40–F48, sind dort aber getrennte Diagnosen. Angst und Dissoziation können jedoch gemeinsam auftreten. So leiden Menschen mit Depersonalisations-Derealisationsstörung häufig auch an Angst und Depressionen.
Wie entstehen dissoziative Störungen?
Meist werden sie durch überwältigenden Stress oder Traumata ausgelöst, etwa durch Missbrauch oder Misshandlung in der Kindheit, Unfälle oder Katastrophen. Eng verwandt sind sie mit Traumafolgestörungen wie der posttraumatischen Belastungsstörung, bei der ebenfalls dissoziative Beschwerden vorkommen.
Wie werden sie erkannt und behandelt?
Zuerst schließen Ärzt:innen körperliche Ursachen aus, etwa Erkrankungen des Gehirns, Anfallsleiden oder Drogenkonsum. Laut ICD-10 neigen dissoziative Störungen dazu, nach einigen Wochen oder Monaten abzuklingen, besonders wenn sie nach einem belastenden Ereignis begonnen haben. Sie können aber auch chronisch werden, und die Depersonalisations-Derealisationsstörung besteht in schweren Fällen über Jahre.
Im Mittelpunkt der Behandlung steht Psychotherapie. Bei der dissoziativen Amnesie geht es zunächst darum, ein Gefühl der Sicherheit aufzubauen. Fachleute achten darauf, keine Erinnerungen nahezulegen, weil so falsche Erinnerungen entstehen können. Bei der dissoziativen Identitätsstörung ist die Therapie oft langwierig und emotional belastend.
Selbstverletzungen sowie Suizidgedanken und -versuche sind bei manchen dissoziativen Störungen häufig. Das Suizidrisiko kann steigen, wenn verdrängte traumatische Erinnerungen plötzlich zurückkehren. Anlaufstellen sind Hausärzt:innen, Fachärzt:innen für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Klinische Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen. In einer akuten Krise hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall ist die Rettung unter 144 erreichbar.
Wichtiger Hinweis
Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.