Bei einer funktionellen neurologischen Störung treten Lähmungen, Zittern, Anfälle, Taubheitsgefühle oder Seh- und Sprechstörungen auf, die zu keiner bekannten Erkrankung des Nervensystems passen. Die Beschwerden entstehen unwillkürlich, Betroffene täuschen sie nicht vor. Ältere Namen sind Konversionsstörung und Hysterie, in der ICD-10 zählt sie zu den dissoziativen Störungen.
Was ist eine funktionelle neurologische Störung?
Bei einer funktionellen neurologischen Störung ist das normale Zusammenspiel von Bewegung, Sinneswahrnehmung oder Denkleistungen unwillkürlich gestört, ohne dass eine Erkrankung des Nervensystems dies erklärt. Betroffene können etwa einen Arm oder ein Bein nicht bewegen, das Gefühl in einem Körperteil verlieren oder schlecht sehen und hören. Auch Zittern, Gangstörungen, Schwindel, Schluckbeschwerden oder Anfälle, die epileptischen Anfällen ähneln, sind möglich.
Die Symptome werden nicht bewusst hervorgerufen. Betroffene erleben sie so, als hätten sie eine körperliche Ursache. Sie sind so stark, dass sie erheblich belasten oder den Alltag einschränken.
Welche Namen gibt es für die Störung?
Die Störung hat in den Klassifikationen unterschiedliche Namen. Die in Österreich verwendete ICD-10 führt sie in der Gruppe „Dissoziative Störungen [Konversionsstörungen]“, etwa als dissoziative Bewegungsstörungen, dissoziative Krampfanfälle oder dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen.
Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Begriff Konversionsstörung gestrichen. Sie spricht von „Dissociative neurological symptom disorder“, laut einer deutschen Leitlinie dissoziative Störung mit neurologischen Symptomen. Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 nennt sie Konversionsstörung oder funktionelle neurologische Störung. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie empfiehlt in ihrer Leitlinie zu funktionellen Bewegungsstörungen, von „funktionell“ zu sprechen, weil das Wort keine Ursache unterstellt. Begriffe wie „psychogen“ oder „hysterisch“ sollen vermieden werden.
Woher kommt der Begriff Konversion?
„Konversion“ geht auf das lateinische „convertere“ für umwenden oder umwandeln zurück. In der Psychologie bezeichnet es die Umsetzung seelischer Erregung in körperliche Symptome, vor allem bei der früher so genannten Hysterie. Sigmund Freud prägte das Modell, nach dem verdrängte schmerzliche Erfahrungen in körperliche Beschwerden umgewandelt werden. Es bestimmte das psychiatrische Denken lange, mit dem DSM-III von 1980 wurde aus der Hysterie die Konversionsstörung.
Die ICD-10 verlangt für die Diagnose noch einen engen Zusammenhang mit belastenden Ereignissen oder Konflikten. Dieses Kriterium wurde aus der ICD-11 entfernt.
Wie entsteht die Störung?
Oft beginnen die Beschwerden nach einem belastenden oder traumatischen Ereignis. Als Risikofaktoren nennt die ICD-11 frühere körperliche Verletzungen, Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit und frühere Erkrankungen des Nervensystems. So zeigen Menschen mit Epilepsie häufiger zusätzlich nicht-epileptische Anfälle. Laut dieser Leitlinie handelt es sich um eine Funktionsstörung des Nervensystems, für die sich keine bestimmte Schädigung findet.
Die Störung beginnt meist zwischen Pubertät und frühem Erwachsenenalter. Frauen erhalten die Diagnose zwei- bis dreimal so häufig wie Männer.
Wie wird sie erkannt und behandelt?
Zunächst prüfen Ärzt:innen, ob eine Erkrankung des Nervensystems vorliegt. Entscheidend ist, dass die Beschwerden nicht zum Muster solcher Erkrankungen passen. Ein Zittern kann etwa aufhören, wenn die Person abgelenkt ist. Die Leitlinie zu funktionellen Bewegungsstörungen betont deshalb typische positive Untersuchungszeichen statt endloser Ausschlussuntersuchungen. Die Diagnose soll ausführlich und verständlich erklärt werden.
Hilfreich sind ein vertrauensvolles Verhältnis zu Ärzt:innen und die Zusammenarbeit von Hausärzt:in, Neurolog:in und Psychiater:in. Psychotherapie, darunter kognitive Verhaltenstherapie, ist bei manchen Menschen wirksam. Auch Hypnose und Physiotherapie mit aktiven Übungen können helfen. Gegen funktionelle Bewegungsstörungen selbst sollen laut Leitlinie keine Medikamente eingesetzt werden, weil ein Nutzen nicht belegt ist. Begleitende Depressionen werden behandelt.
Die Beschwerden dauern oft nur kurz, kehren aber häufig wieder. Als günstig gelten ein plötzlicher Beginn, ein klarer Auslöser und eine frühe Diagnose und Behandlung.
Wichtiger Hinweis
Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.