Was ist Epilepsie?
Bei einer Epilepsie ist das Gehirn wiederholt für kurze Zeit übermäßig aktiv. Normalerweise arbeiten die Nervenzellen im Gehirn aufeinander abgestimmt. Bei einem epileptischen Anfall gelingt dieses Zusammenspiel vorübergehend nicht, und einzelne Bereiche oder das ganze Gehirn geben zu viele Signale ab. Je nachdem, welche Bereiche betroffen sind, können Bewusstsein, Bewegungen oder Wahrnehmungen gestört sein.
Das Wort kommt über das Französische und Lateinische vom griechischen epilēpsía, was „Anfassen“ oder „Anfall“ bedeutet. Laut WHO gehört Epilepsie zu den ältesten bekannten Krankheiten, schriftliche Zeugnisse reichen bis etwa 4000 vor Christus zurück. Seit Jahrhunderten begleiten Angst, Missverständnisse und Ausgrenzung die Erkrankung, in vielen Ländern bis heute. Epilepsie ist nicht ansteckend.
Ist jeder Anfall eine Epilepsie?
Ein einzelner Anfall bedeutet noch keine Epilepsie. Etwa zehn von 100 Menschen haben im Laufe ihres Lebens einmal einen epileptischen Anfall, an Epilepsie erkranken etwa fünf bis zehn von 1.000. Anfälle können auch durch erkennbare Auslöser entstehen, etwa durch Schlafmangel, Unterzucker, bestimmte Medikamente oder einen Alkohol- oder Drogenentzug. Fällt der Auslöser weg, bleibt es meist bei diesem einen Anfall.
Bei kleinen Kindern kann hohes Fieber Krämpfe auslösen. Etwa drei bis fünf von 100 Kindern haben bis zum fünften Geburtstag einen solchen Fieberkrampf, nur wenige von ihnen entwickeln später eine Epilepsie.
Ärzt:innen stellen die Diagnose Epilepsie meist, wenn mindestens zwei Anfälle ohne erkennbaren Auslöser im Abstand von mehr als 24 Stunden aufgetreten sind. Schon nach einem ersten Anfall ist sie möglich, wenn Untersuchungen wie EEG oder MRT ein deutlich erhöhtes Risiko für weitere Anfälle zeigen.
Welche Anfallsformen gibt es?
Fachleute unterscheiden vor allem, ob ein Anfall in einem bestimmten Bereich des Gehirns beginnt oder von Anfang an beide Hirnhälften erfasst. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat ihre Einteilung 2017 neu gefasst und 2025 überarbeitet. Sie kennt fokale und generalisierte Anfälle sowie Anfälle, deren Beginn unbekannt ist oder die sich nicht einordnen lassen.
Fokale Anfälle beginnen in einem Bereich des Gehirns. Sie werden danach beschrieben, ob das Bewusstsein erhalten oder beeinträchtigt ist. Manche beginnen mit einer Aura, etwa einem aufsteigenden Gefühl aus der Magengegend, plötzlicher Angst, Lichtblitzen oder einem ungewohnten Geruch. Andere zeigen sich durch Zucken eines Arms oder des Gesichts, durch starres Blicken oder durch Nesteln, Schmatzen und Kauen. Breitet sich der Anfall auf beide Hirnhälften aus, sprechen Fachleute von einem fokal zu bilateral tonisch-klonischen Anfall, früher „sekundär generalisiert“.
Generalisierte Anfälle erfassen von Beginn an beide Hirnhälften. Dazu gehören Absencen, bei denen Betroffene, meist Kinder und Jugendliche, für wenige Sekunden abwesend sind. Weitere Formen sind kurze Muskelzuckungen (myoklonisch), Versteifungen (tonisch) oder ein plötzlicher Verlust der Muskelspannung mit Sturzgefahr (atonisch). Beim generalisierten tonisch-klonischen Anfall, früher „Grand mal“, wird die Person bewusstlos und stürzt meist. Der Körper versteift sich etwa eine Minute lang und krampft dann ein bis zwei Minuten. Danach sind viele Betroffene müde, verwirrt und können sich an den Anfall nicht erinnern.
Wie entsteht Epilepsie?
Die Ursachen einer Epilepsie sind vielfältig, oft lässt sich aber keine eindeutige Ursache feststellen. Manchmal liegt eine erbliche Neigung vor, die sich meist schon in der frühen Kindheit zeigt. Andere Epilepsien gehen auf Schäden am Gehirn zurück, etwa durch Fehlbildungen, Sauerstoffmangel bei der Geburt, Verletzungen, Entzündungen, Tumoren, Schlaganfälle, Demenz oder Stoffwechselerkrankungen. Am häufigsten beginnt eine Epilepsie im Kleinkindalter oder nach dem 60. Lebensjahr.
Wie wird Epilepsie festgestellt?
Nach einem ersten Anfall ist nicht immer gleich eine Behandlung nötig, weil es oft bei diesem einen Anfall bleibt. Für die Diagnose ist eine Fachärztin oder ein Facharzt für Neurologie zuständig. Dazu kommen ein EEG, das die Hirnströme misst, und meist eine MRT. Ein unauffälliges EEG schließt eine Epilepsie allerdings nicht aus.
Wie wird Epilepsie behandelt?
Behandelt wird meist mit Anfallsmedikamenten, auch Antiepileptika genannt. Etwa sieben von zehn Betroffenen werden damit anfallsfrei, bei rund drei von zehn treten trotz mehrerer Versuche weiter Anfälle auf. Manche Anfallsmedikamente haben Wechselwirkungen, etwa mit blutverdünnenden Mitteln oder der Pille. Deshalb sollten neue Medikamente, Nahrungsergänzungs- oder Vitaminpräparate nur nach ärztlicher Rücksprache dazukommen. Bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft ist eine ausführliche ärztliche Beratung besonders wichtig.
Helfen Medikamente nicht, kann bei fokalen Anfällen eine Operation infrage kommen, bei der der auslösende Hirnbereich entfernt wird. Möglich sind auch Stimulationsverfahren, etwa die Vagusnerv-Stimulation, die Anfälle seltener machen können. Bei schwer behandelbaren Epilepsien im Kindesalter wird manchmal eine ketogene Diät mit sehr hohem Fettanteil eingesetzt. Es gibt Hinweise, dass sie in bestimmten Fällen hilft, sie ist aber wissenschaftlich noch schlecht untersucht und kann schwere Nebenwirkungen haben. Deshalb gehört sie unter Aufsicht erfahrener Ärzt:innen und Diätolog:innen.
Genug Schlaf und wenig Alkohol können helfen, Anfälle zu vermeiden. Wegen der Verletzungsgefahr während eines Anfalls gibt es Einschränkungen, etwa beim Autofahren, Schwimmen, Klettern oder Tauchen. In den meisten Fällen ist mit Epilepsie ein weitgehend normales Leben mit Arbeit, Freundschaften und Partnerschaft möglich.
Was tun bei einem epileptischen Anfall?
Am wichtigsten ist es, ruhig zu bleiben und die Person vor Verletzungen zu schützen. Die meisten Anfälle sind nicht gefährlich und hören nach wenigen Minuten von selbst auf. Bei einem großen Anfall helfen folgende Schritte:
- den Kopf schützen, etwas Weiches unterlegen und gefährliche Gegenstände wegräumen
- die Person nicht festhalten und nichts in den Mund schieben
- enge Kleidung am Hals lockern
- auf die Uhr schauen und den Ablauf beobachten
- nach dem Anfall prüfen, ob die Atemwege frei sind, die Person in die stabile Seitenlage bringen und bleiben, bis sie sich erholt hat
Während des Anfalls sind keine Wiederbelebungsversuche nötig. Erst danach wird die Atmung beurteilt: Atmet die Person normal, kommt sie in die stabile Seitenlage, sonst gelten die allgemeinen Regeln der Wiederbelebung mit Notruf 144.
Die Rettung unter 144 ist zu rufen, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, wenn mehrere Anfälle kurz hintereinander folgen, wenn die Person Atemprobleme hat, sich verletzt hat oder nicht wieder zu sich kommt, und wenn bekannt ist, dass es der erste Anfall war. Ein Anfall von mehr als fünf Minuten heißt Status epilepticus und ist ein Notfall.
Wer hilft in Österreich?
Diagnose und Behandlung gehören in die Neurologie, bei Kindern zu Kinderärzt:innen mit Weiterbildung in Neuropädiatrie. Ärzt:innen für Allgemeinmedizin koordinieren die Überweisungen, außerdem gibt es spezialisierte Epilepsieambulanzen. Notwendige und zweckmäßige Untersuchungen und Behandlungen übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung, bei manchen Leistungen fallen Selbstbehalte an.