Was ist eine Persönlichkeitsstörung?
Eine Persönlichkeitsstörung liegt vor, wenn Persönlichkeitszüge so ausgeprägt und unflexibel werden, dass sie im Alltag immer wieder zu Problemen führen. Jeder Mensch hat typische Arten zu denken, wahrzunehmen und auf andere zu reagieren. Manche sind eher launisch oder zurückhaltend, andere gesellig. Erst wenn solche Züge bei der Arbeit, in der Ausbildung oder im Umgang mit anderen dauerhaft Schwierigkeiten bereiten, sprechen Fachleute von einer Störung. Die Grenze zur durchschnittlichen Persönlichkeit ist dabei fließend.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschreibt in ihrer Klassifikation ICD-11 zwei Kernbereiche. Probleme können das eigene Selbst betreffen, etwa Identität, Selbstwert und eine realistische Sicht auf sich selbst. Sie können auch Beziehungen betreffen, zum Beispiel die Fähigkeit, enge Bindungen aufzubauen, andere Sichtweisen zu verstehen und Konflikte zu lösen. Die Schwierigkeiten bestehen über längere Zeit, etwa zwei Jahre oder mehr, zeigen sich in vielen Lebenslagen und gehen mit deutlichem Leid oder Beeinträchtigungen einher.
Kennzeichnend ist auch, dass Betroffene ihre Muster oft beibehalten, selbst wenn diese wiederholt scheitern. Manche erkennen in ihrem eigenen Verhalten gar kein Problem. Wörter wie „paranoid“ oder „Borderline“ fallen im Alltag oft beiläufig, eine Diagnose setzt aber festgelegte Kriterien voraus.
Woher kommt der Begriff?
Die Idee einer krankhaft veränderten Persönlichkeit ist älter als die heutige Bezeichnung. Als erste Beschreibung in der Psychiatrie gilt die „manie sans délire“, also Manie ohne Wahn. Das Wort Manie meinte damals Zustände der Erregung. Der französische Arzt Philippe Pinel schilderte sie 1801 in einem Lehrbuch. Seine Patienten wirkten nach außen unauffällig, neigten aber schon bei geringfügigen Anlässen zu heftigen Gewaltausbrüchen.
Im deutschsprachigen Raum sprach Emil Kraepelin Anfang des 20. Jahrhunderts von „psychopathischen Persönlichkeiten“. Kurt Schneider verstand darunter Menschen, die an ihrer Persönlichkeit leiden oder unter denen die Gesellschaft leidet. Diese doppelte Sicht findet sich bis heute in den Diagnosekriterien wieder.
Welche Formen gibt es?
In der ICD-10, die derzeit noch gebräuchlich ist, unterscheiden Fachleute mehrere Formen mit eigenen Schwerpunkten. Bei der paranoiden Persönlichkeitsstörung stehen Misstrauen und das Gefühl der Bedrohung im Vordergrund. Die schizoide Form zeigt sich in Rückzug und wenig Interesse an Kontakten, die dissoziale Form im Missachten sozialer Normen und einem Mangel an Einfühlungsvermögen. Weitere Formen sind die emotional instabile mit starker Impulsivität, die histrionische mit dramatischem Auftreten und die anankastische mit ausgeprägtem Perfektionismus. Bei der ängstlich-vermeidenden Form prägen Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle den Alltag, bei der abhängigen Form große Trennungsangst. Zu den weiteren Formen zählt etwa die narzisstische Persönlichkeitsstörung.
Die neue ICD-11 geht einen anderen Weg und unterscheidet kaum noch zwischen einzelnen Formen. Sie stuft eine Persönlichkeitsstörung nach ihrem Schweregrad als leicht, mittelschwer oder schwer ein. Hervorstechende Züge werden zusätzlich beschrieben, etwa negative Gefühle, Enthemmung, Zwanghaftigkeit, Distanziertheit oder Schwierigkeiten mit sozialen Normen. Ein Borderline-Muster kann eigens vermerkt werden. Eine offizielle deutsche Fassung der ICD-11 gab es laut Gesundheitsportal 2024 noch nicht.
Woran erkennt man eine Persönlichkeitsstörung?
Hinweise können etwa Wutausbrüche, häufige Stimmungsschwankungen oder das häufige Gefühl sein, betrogen oder ausgenutzt zu werden. Auch soziale Ängste, ein starkes Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen, oder Mühe, Bedürfnisse aufzuschieben, kommen vor. Manche Betroffene machen andere für das eigene Verhalten verantwortlich oder haben den Eindruck, trotz aller Probleme sei alles in Ordnung.
Häufig bestehen zusätzlich andere psychische Erkrankungen, etwa Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, Suchterkrankungen oder eine posttraumatische Belastungsstörung. Oft suchen Betroffene genau deshalb Hilfe oder wegen Folgen wie Scheidung, Arbeitslosigkeit oder Einsamkeit, nicht wegen der Persönlichkeitsstörung selbst.
Am Anfang der Abklärung steht ein ausführliches Gespräch über Lebensgeschichte, Erkrankungen, Medikamente und möglichen Drogenkonsum. Wenn die betroffene Person es möchte, kann eine Vertrauensperson ihre Sicht schildern. Fragebögen und eine klinisch-psychologische Testung können unterstützen, eine körperliche und neurologische Untersuchung hilft, andere Ursachen auszuschließen. Fachleute empfehlen, die Diagnose nicht vor dem 15. Lebensjahr zu stellen und sie über mehrere Gespräche im Verlauf zu bestätigen.
Wie entsteht eine Persönlichkeitsstörung?
Die Fachwelt geht davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirken. Dazu zählen die genetische Veranlagung, Veränderungen in Struktur und Funktion des Gehirns und psychosoziale Belastungen wie seelische Traumata in der Kindheit oder schwierige Beziehungserfahrungen. Ein allgemein anerkanntes Modell der Entstehung gibt es bisher nicht.
Was hilft bei einer Persönlichkeitsstörung?
Die wichtigste Behandlung ist Psychotherapie, einzeln, in der Gruppe oder mit der Familie. Betroffene vereinbaren darin eigene Ziele, setzen sich mit ihrem Verhalten auseinander und üben soziale Fähigkeiten. Nahestehende Menschen können mit Einverständnis einbezogen werden. Laut Gesundheitsportal profitiert ungefähr die Hälfte der Menschen, die eine Psychotherapie beginnen. Sie wirkt besser, wenn Betroffene selbst etwas verändern wollen, und braucht Geduld: Problematische Persönlichkeitszüge zu verändern, dauert meist länger als ein Jahr. Besonders gut untersucht ist Psychotherapie bei der emotional instabilen Form, mehr dazu im Glossarbegriff „Borderline-Persönlichkeitsstörung“.
Medikamente behandeln die Persönlichkeitsstörung nicht direkt, können aber belastende Beschwerden wie Ängste oder depressive Verstimmungen lindern. Fachleute empfehlen sie vorrangig zusätzlich zur Psychotherapie. Allgemein sprechen Menschen mit Persönlichkeitsstörungen weniger gut auf Medikamente an als etwa Menschen mit Angststörungen oder Depressionen. Werden Medikamente eingesetzt, dann meist niedrig dosiert und zeitlich begrenzt. Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine sollen nicht eingesetzt werden, weil sie abhängig machen können.
Wer hilft in Österreich?
Für Diagnose und Behandlung sind Fachärzt:innen für Psychiatrie, Psychotherapeut:innen sowie Klinische Psycholog:innen die Ansprechpersonen. Psychotherapie ausüben dürfen nur Personen, die in der Berufsliste Psychotherapie eingetragen sind. Für einen Kostenzuschuss der Sozialversicherung braucht es in der Regel eine krankheitswertige psychische Störung und eine ärztliche Bestätigung. Angehörige finden Information und Unterstützung etwa bei HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter).
Wie verläuft eine Persönlichkeitsstörung?
Der Verlauf ist sehr unterschiedlich, und Persönlichkeitsstörungen können sich stärker verändern als früher angenommen. Innerhalb von zwei Jahren bleibt die Ausprägung laut Gesundheitsportal bei etwa 40 bis 60 von 100 Betroffenen gleich. Manche Formen wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung bessern sich mit dem Alter häufig oder verschwinden ganz, andere seltener.
Menschen mit Persönlichkeitsstörungen haben ein erhöhtes Suizidrisiko. Wer an Suizid denkt, erreicht die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Kinder und Jugendliche Rat auf Draht unter 147. Im Notfall hilft die Rettung unter 144.