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Selbstverletzung

08:14

Auf den Punkt gebracht

Bei einer Selbstverletzung fügt sich ein Mensch absichtlich körperlichen Schaden zu, meist ohne sich das Leben nehmen zu wollen. Sie kann dazu dienen, starke Anspannung oder belastende Gefühle zu verringern. Selbstverletzung ist ein Zeichen großer seelischer Not, und Hilfe ist möglich, vor allem durch Psychotherapie.

Was ist Selbstverletzung?

Selbstverletzung bedeutet, dass sich jemand absichtlich verletzt, ohne damit das eigene Leben beenden zu wollen. Fachleute sprechen von nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten, kurz NSSV, im Englischen von „non-suicidal self-injury“ (NSSI). Umgangssprachlich ist vor allem das „Ritzen“ der Haut bekannt.

Betroffene verletzen sich oft wiederholt und an Stellen, die sich leicht verbergen lassen. Mit der Zeit können deshalb ausgedehnte Narben entstehen. Häufig kreisen auch die Gedanken immer wieder um die Selbstverletzung.

Die Begriffe werden in der Fachwelt nicht einheitlich verwendet. Die Behandlungsleitlinie des NICE fasst unter „self-harm“ jede absichtliche Selbstverletzung oder Selbstvergiftung zusammen, unabhängig vom Zweck der Handlung. Diese weite Fassung schließt also auch Handlungen mit Suizidabsicht ein.

Warum verletzen sich Menschen selbst?

Die Beweggründe sind nicht restlos geklärt, Fachleute beschreiben aber mehrere typische Funktionen. Selbstverletzung kann dazu dienen, Anspannung oder negative Gefühle zu verringern, Konflikte mit anderen Menschen zu bewältigen oder sich für eine empfundene Schuld zu bestrafen. Sie kann auch ein Hilferuf sein.

Manche, aber nicht alle Betroffenen haben zusätzlich andere seelische Erkrankungen oder Belastungen. Genannt werden etwa Depressionen und andere affektive Störungen, Angststörungen, Essstörungen, eine posttraumatische Belastungsstörung, Persönlichkeitsstörungen, Alkohol- oder Drogenprobleme und ein geringes Selbstwertgefühl. Bei der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung beschreibt das Gesundheitsportal, dass solche Handlungen meist nachträglich zu Scham und Schuldgefühlen führen.

Wer ist betroffen?

Selbstverletzung ist im Jugendalter häufig. Für Deutschland gibt eine Fachleitlinie an, dass sich 25 bis 35 Prozent der Jugendlichen mindestens einmal im Leben selbst verletzt haben. Damit liegt Deutschland innerhalb Europas im oberen Bereich. Selbstverletzung kommt aber in jedem Alter vor, auch bei Erwachsenen und älteren Menschen.

Wie hängen Selbstverletzung und Suizid zusammen?

Selbstverletzung ist nicht dasselbe wie ein Suizidversuch, das Suizidrisiko kann aber erhöht sein. Bei vielen Jugendlichen deutet sie nicht darauf hin, dass sie sich das Leben nehmen wollen. Jugendliche, die mehrere Formen der Selbstverletzung angewendet haben, leiden jedoch wahrscheinlich auch an anderen psychischen Erkrankungen und haben ein höheres Suizidrisiko. Nach einer Selbstverletzung im höheren Alter sind Suizide ebenfalls häufiger.

Das Gesundheitsportal zählt Selbstverletzung zu den möglichen Warnsignalen für Suizidgefährdung. Ein einzelnes Warnsignal bedeutet noch keine konkrete Gefahr, mögliche Suizidgedanken sollten aber in einem Gespräch abgeklärt werden. Die betroffene Person direkt darauf anzusprechen, bringt sie nicht erst auf die Idee, sich das Leben zu nehmen. Auch bei der fachlichen Abklärung steht am Anfang die Frage, ob ein Suizidrisiko besteht.

Ist Selbstverletzung eine eigene Krankheit?

Ob Selbstverletzung als eigenständige Störung gelten soll, ist in der Fachwelt umstritten. Das Diagnosehandbuch DSM-5 führt eine „nicht-suizidale Selbstverletzungsstörung“ als Zustand, der weiter erforscht werden muss. Das MSD Manual nennt als Voraussetzung für die Diagnose, dass sich jemand im vergangenen Jahr mindestens fünfmal ohne Suizidabsicht verletzt hat. Die Verletzungen dienen dabei vor allem dazu, negative Gefühle loszuwerden, zwischenmenschliche Probleme zu lösen oder positive Gefühle zu erleben.

Studien der vergangenen Jahre haben die Aussagekraft der Diagnosekriterien im DSM-5 in Frage gestellt. Weil Selbstverletzung häufig gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen auftritt, schlagen manche Fachleute vor, sie als Verhalten zu verstehen, das bei vielen Erkrankungen vorkommen kann. Statt einer eigenen Diagnose wäre sie dann ein zusätzliches Merkmal.

Was hilft bei Selbstverletzung?

Im Mittelpunkt der Behandlung steht Psychotherapie, die möglichst bald beginnen soll. Für Erwachsene empfiehlt die NICE-Leitlinie eine strukturierte Behandlung auf Grundlage der kognitiven Verhaltenstherapie, die auf Menschen mit Selbstverletzung zugeschnitten ist. Sie umfasst typischerweise 4 bis 10 Sitzungen. Für Kinder und Jugendliche mit häufiger Selbstverletzung und großen Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu steuern, kommt eine für Jugendliche angepasste Dialektisch-Behaviorale Therapie in Frage.

In der Therapie lernen Betroffene etwa, ihre Gefühle bewusster wahrzunehmen, besser mit Stress umzugehen und dem Drang zur Selbstverletzung zu widerstehen. Bei Jugendlichen gehört oft die Unterstützung durch die Familie dazu. Bestehen weitere Erkrankungen wie eine Depression, werden sie mitbehandelt. Medikamente sollen nicht gezielt gegen die Selbstverletzung selbst eingesetzt werden.

Hilfreich kann ein gemeinsam erstellter Sicherheitsplan sein. Darin stehen zum Beispiel Auslöser und Warnzeichen, eigene Bewältigungsstrategien, Menschen, die unterstützen können, und Kontaktdaten für den Notfall. Dazu gehört auch, gefährliche Mittel aus der Umgebung zu entfernen oder den Zugang dazu zu erschweren. Die NICE-Leitlinie betont außerdem, Betroffenen mit Respekt, Würde und Mitgefühl zu begegnen und Strafen oder abschreckende Maßnahmen nicht als Mittel gegen Selbstverletzung einzusetzen. Auch Angehörige sollen Informationen erhalten, wie sie unterstützen können und was bei einer erneuten Selbstverletzung zu tun ist.

Wer hilft in Österreich?

Für Abklärung und Behandlung kommen Fachärzt:innen für Psychiatrie oder für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapeut:innen und Klinische Psycholog:innen in Frage, ebenso spezialisierte Ambulanzen in Spitälern. Notwendige und zweckmäßige Diagnose- und Therapiemaßnahmen übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung, bei manchen Leistungen fallen Selbstbehalte oder Kostenbeiträge an.

Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142. Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht anonym und rund um die Uhr unter 147. Bei schweren Verletzungen und im Notfall ist die Rettung unter 144 zu rufen.

Wurden Medikamente oder andere Stoffe eingenommen, berät die Vergiftungsinformationszentrale rund um die Uhr unter 01 406 43 43, auch bei absichtlich herbeigeführten Vergiftungen. Körperliche Versorgung und psychosoziale Abklärung sollen nach einer Selbstverletzung möglichst bald erfolgen.

Wo liegen die Grenzen?

Die Studienlage zur Behandlung ist noch lückenhaft. Eine Cochrane-Übersicht zu Erwachsenen bewertet die Qualität der meisten Studien als mäßig bis sehr niedrig. Für Ansätze auf Grundlage der kognitiven Verhaltenstherapie fand sie Hinweise auf weniger erneute Selbstverletzungen bei längerer Nachbeobachtung, allerdings mit geringer Sicherheit. Auch für Jugendliche gibt es wenige Studien zum Langzeitverlauf und zur Behandlung, und zur Vorbeugung fehlt noch Wissen.

Mit Fragebögen und Risikoskalen lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen, ob sich jemand erneut verletzt oder das Leben nimmt. Die NICE-Leitlinie rät deshalb davon ab, sie dafür zu verwenden oder davon abhängig zu machen, wer eine Behandlung erhält.

Wichtiger Hinweis

Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.

Quellen (10)