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Autismus

09:13

Auf den Punkt gebracht

Autismus ist eine Entwicklungsstörung des Gehirns, die von Geburt an besteht und vor allem die Kommunikation und den Umgang mit anderen Menschen betrifft. Fachleute sprechen von einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS), weil die Merkmale sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Mit passender Unterstützung können Menschen im Autismus-Spektrum ein zufriedenes Leben führen und an der Gesellschaft teilhaben.

Was ist Autismus?

Autistische Menschen erleben die Welt auf ihre eigene Art. Die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu deuten und eigene Gedanken mitzuteilen fällt ihnen schwerer, was den Aufbau von Beziehungen erschwert. Autismus ist angeboren und zeigt sich meist schon in der frühen Kindheit, deutliche Anzeichen treten aber mitunter erst auf, wenn die Anforderungen des sozialen Lebens die eigenen Fähigkeiten übersteigen.

Manche Merkmale sind kaum zu bemerken, andere stark ausgeprägt, einzelne fehlen ganz. Manche autistischen Menschen leben selbstständig, andere brauchen ein Leben lang umfassende Hilfe.

Früher unterschied die Fachwelt frühkindlichen Autismus, Asperger-Syndrom und atypischen Autismus. Weil sich diese Formen nicht klar trennen lassen, spricht sie heute zunehmend von einem Spektrum. Die WHO-Klassifikation ICD-11 führt die Autismus-Spektrum-Störung unter dem Code 6A02 und hält zusätzlich fest, ob die intellektuelle Entwicklung oder die Sprache beeinträchtigt ist.

Woher kommt der Begriff?

Das Wort geht auf das griechische autós für „selbst“ zurück. In den 1910er-Jahren führte der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler den Begriff ein. Er beschrieb damit ein Merkmal der Schizophrenie bei Erwachsenen, nämlich den Rückzug aus der Wirklichkeit in eine eigene innere Welt.

1943 beschrieb der Kinderpsychiater Leo Kanner von der Johns Hopkins University „angeborene autistische Störungen des affektiven Kontakts“ als eigenes Syndrom. Der Wiener Kinderarzt Hans Asperger veröffentlichte 1944 eine Arbeit über Kinder mit besonderen Fähigkeiten, die sich mit sozialen Beziehungen schwertaten. International bekannt wurde die Arbeit erst in den 1980er-Jahren, seither wurde die Bezeichnung „Asperger-Syndrom“ zunehmend gebräuchlich.

Eine 2018 veröffentlichte historische Studie auf Grundlage von Archivdokumenten zeigt, dass Asperger in der NS-Zeit Maßnahmen der „Rassenhygiene“ wie Zwangssterilisationen öffentlich rechtfertigte und mehrfach aktiv mit dem Kinder-„Euthanasie“-Programm zusammenarbeitete. Die Studie empfiehlt, bei der Bezeichnung „Asperger-Syndrom“ diesen Entstehungshintergrund im Wien der NS-Zeit mitzudenken.

Woran erkennt man Autismus?

Typisch sind Besonderheiten in drei Bereichen: im Umgang mit anderen, in der Kommunikation und in sich wiederholenden Verhaltensweisen und Interessen. Viele Menschen im Autismus-Spektrum suchen seltener Blickkontakt und nehmen Signale anderer anders oder gar nicht wahr.

Routinen und wenige, dafür intensive Interessen geben Sicherheit, unerwartete Veränderungen können dagegen überfordern. Bei Reizüberflutung kann es zu einem „Meltdown“ kommen, bei dem jemand erstarrt, verstummt oder wütend wird.

Dazu können auch Stärken gehören, etwa Begeisterungsfähigkeit, ein feiner Blick für Details, Ausdauer und Zuverlässigkeit. Ein Teil der Menschen im Spektrum ist zusätzlich intellektuell beeinträchtigt, die Angaben reichen von etwa einem Drittel bis etwa der Hälfte. Häufige Begleiterkrankungen sind Schlaf- und Essstörungen, Angststörungen, ADHS und Epilepsie.

Viele Erwachsene haben gelernt, Merkmale bewusst oder unbewusst zu überspielen. Dieses „Masking“ kann viel Kraft kosten und dazu beitragen, dass Autismus erst spät erkannt wird. Das betrifft Frauen häufiger.

Wie häufig ist Autismus und wie entsteht er?

Laut Gesundheitsportal ist mindestens eines von 100 Kindern betroffen. Die WHO schätzt, dass 2021 weltweit etwa einer von 127 Menschen autistisch war, wobei die Angaben aus Studien stark schwanken. Bei Buben und Männern wird Autismus deutlich häufiger festgestellt als bei Mädchen und Frauen, die Angaben reichen von doppelt bis viermal so oft.

Die genauen Ursachen sind nicht vollständig erforscht, die Vererbung spielt aber eine wesentliche Rolle. Das Risiko steigt außerdem mit dem Alter der Eltern und durch das Epilepsie-Medikament Valproinsäure in der Schwangerschaft. Auch Komplikationen in der Schwangerschaft wie eine Röteln-Infektion oder eine Frühgeburt können eine Rolle spielen. Weder Impfungen noch die Erziehung der Eltern lösen Autismus aus, das ist wissenschaftlich widerlegt.

Wie wird Autismus festgestellt?

Autismus stellen Fachleute erst nach einer gründlichen Untersuchung fest. In Österreich sind Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder für Psychiatrie sowie Ambulatorien für Sozialpädiatrie und Entwicklungsneurologie zuständig. Der erste Weg kann auch zur Ärztin oder zum Arzt für Allgemeinmedizin oder für Kinder- und Jugendheilkunde führen, die bei Bedarf überweisen.

Zur Untersuchung gehören ein ausführliches Gespräch über die Entwicklung, körperliche und neurologische Untersuchungen, Verhaltensbeobachtung und standardisierte Tests, meist auch eine Prüfung von Hören und Sehen. Bei Kindern ist eine Diagnose oft schon mit etwa zwei Jahren möglich. Bei Erwachsenen ist sie schwieriger, weil Angst- oder Persönlichkeitsstörungen ähnliche Anzeichen zeigen können.

Selbsttests im Internet ersetzen keine Diagnose.

Welche Unterstützung hilft?

Autismus selbst lässt sich mit Medikamenten weder behandeln noch heilen. Im Mittelpunkt steht eine frühe, auf die Person abgestimmte Förderung. Eine Behandlung kann aber die Entwicklung von Kindern verbessern und die Ausprägung mildern. Nicht jedes autistische Merkmal ist belastend oder behandlungsbedürftig. Für Jugendliche und Erwachsene geht es oft darum, den Autismus als Teil der eigenen Identität anzunehmen und den Alltag darauf abzustimmen.

Idealerweise beginnt die Förderung mit zwei bis drei Jahren. Ein zentraler Baustein ist eine auf Autismus abgestimmte Verhaltenstherapie, auch als Gruppentraining sozialer Fähigkeiten. Dazu kommen je nach Bedarf Logopädie, Ergotherapie, Elterntrainings und Psychoedukation, also Aufklärung über Autismus.

Medikamente kommen bei Begleiterkrankungen wie ADHS, Schlafstörungen oder Epilepsie infrage. Bei starker Unruhe, Aggression oder sehr belastendem wiederholtem Verhalten können Ärzt:innen Antipsychotika verschreiben, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen. Diese können Müdigkeit, Bewegungsstörungen und Gewichtszunahme verursachen, deshalb sollten Wirkung und Nebenwirkungen regelmäßig überprüft werden.

Von manchen Angeboten raten Fachleute ab, weil sie als nutzlos oder sogar schädlich gelten. Dazu gehören etwa Ausleitungs- und Chelattherapien, Chlordioxid-Lösungen, Stammzelltherapien, Festhaltetherapie sowie Diäten ohne medizinischen Grund. Besondere Vorsicht ist bei teuren Behandlungen geboten, die eine Heilung versprechen.

Was erleichtert den Alltag?

Den Alltag erleichtert vor allem ein Umfeld, das sich auf autistische Menschen einstellt. Hilfreich sind eine klare und eindeutige Kommunikation, eine strukturierte Umgebung, wenig überfordernde Reize und Respekt vor dem Wunsch nach Rückzug. Laut WHO erleben autistische Menschen häufig Vorurteile und Benachteiligung, dabei bestimmen gesellschaftliche Haltung und Unterstützung ihre Lebensqualität mit. Weil autistische Menschen soziale Absichten anderer schwerer durchschauen, sind sie laut ICD-11 besonders in der Jugend leichter auszunutzen, auch über unbeaufsichtigte soziale Medien.

Wer hilft in Österreich?

Im Alltag unterstützen etwa Assistenz in der Schule und psychosoziale Dienste. Angehörige finden Hilfe in der Elternberatung und in Selbsthilfegruppen, Tipps bietet etwa der Dachverband Österreichische Autistenhilfe. Notwendige und zweckmäßige Diagnose- und Therapiemaßnahmen übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung, bei manchen Leistungen fallen Selbstbehalte an. Für Kinder mit Behinderung oder chronischer Erkrankung können Familien laut Sozialministerium unter anderem mobile Frühförderung, Pflegegeld, erhöhte Familienbeihilfe und Therapiekostenersatz beantragen.

Wichtiger Hinweis

Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.

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Quellen (13)