Was ist ADHS?
ADHS ist eine Entwicklungsstörung des Gehirns, die sich durch drei Kernmerkmale zeigt: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Nicht immer sind alle gleich stark. Bei manchen Kindern steht die Unaufmerksamkeit im Vordergrund, sie wirken eher verträumt. Fehlt die Hyperaktivität, sprechen Fachleute auch von ADS.
Das Gesundheitsportal nennt eine weltweite Häufigkeit von grob 7 Prozent bei Kindern und Jugendlichen, Buben sind häufiger betroffen. Bei Mädchen wird ADHS oft schwerer erkannt, weil es sich weniger auffällig zeigt. Unter Erwachsenen sind in finanzstarken Ländern ungefähr 4 Prozent betroffen.
Ist jedes sehr lebhafte Kind hyperaktiv?
Nein, Unruhe und Unaufmerksamkeit gehören bis zu einem gewissen Grad zur normalen Entwicklung. Zweijährige sitzen selten still, und viel Bewegung und Lärm sind bis etwa zum vierten Lebensjahr die Regel. Bei ADHS ist das Verhalten jedoch deutlich stärker ausgeprägt als bei Gleichaltrigen und zeigt sich in mehreren Lebensbereichen.
Auch andere Ursachen können hinter Hyperaktivität oder Konzentrationsproblemen stecken, etwa Schlafstörungen, Sehfehler, Schwerhörigkeit oder eine Schilddrüsenüberfunktion. Deshalb gehört eine gründliche Abklärung dazu.
Woher kommt der Begriff?
Kinder mit ähnlichen Auffälligkeiten wurden schon lange beschrieben. Der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann schuf 1844 die Geschichte vom „Zappelphilipp“, die heute oft als frühes Bild für ADHS gilt. Ob damit wirklich ADHS gemeint war, ist allerdings unsicher. 1902 schilderte der britische Kinderarzt George Frederic Still Kinder mit auffälliger Unaufmerksamkeit, 1932 beschrieben Franz Kramer und Hans Pollnow eine „hyperkinetische Erkrankung im Kindesalter“. Den heutigen englischen Namen ADHD führte die überarbeitete dritte Auflage des US-amerikanischen Diagnosehandbuchs DSM 1987 ein.
Woran erkennt man ADHS?
Unaufmerksame Kinder hören oft nicht zu, lassen sich leicht ablenken, machen viele Flüchtigkeitsfehler und verlieren oder vergessen Dinge. Hyperaktive Kinder rutschen ständig auf dem Stuhl herum, laufen viel umher oder können nur schwer leise sein. Impulsive Kinder können kaum warten, bis sie an der Reihe sind, und unterbrechen andere.
Bei Erwachsenen ist ADHS meist weniger auffällig. Statt Hyperaktivität stehen oft innere Unruhe, Reizbarkeit und Probleme im Vordergrund, die eigenen Gefühle zu regulieren. Schwierigkeiten zeigen sich etwa beim Organisieren der Arbeit, beim Einhalten von Terminen oder im Straßenverkehr.
Häufig kommen weitere Probleme hinzu, zum Beispiel Lernstörungen, Angsterkrankungen, Depressionen, Tic-Störungen oder bei Erwachsenen Suchterkrankungen.
Wie wird ADHS festgestellt?
Die Diagnose stellen Fachleute meist in mehreren Terminen und in der Regel erst ab einem Alter von vier Jahren. Dazu gehören ein ausführliches Gespräch, eine körperliche Untersuchung, Fragebögen und meist eine klinisch-psychologische Diagnostik. Lehrkräfte oder Kindergartenpersonal werden möglichst einbezogen.
Die Auffälligkeiten müssen mindestens sechs Monate bestehen, in mehr als einer Umgebung auftreten und den Alltag deutlich beeinträchtigen. In Österreich wird derzeit nach der ICD-10 diagnostiziert, in der ADHS zu den „hyperkinetischen Störungen“ zählt. Die neue ICD-11 der WHO ordnet ADHS als neuronale Entwicklungsstörung ein. Sie unterscheidet ein überwiegend unaufmerksames, ein überwiegend hyperaktiv-impulsives und ein kombiniertes Erscheinungsbild und verlangt deutliche Anzeichen vor dem zwölften Lebensjahr.
Bei Erwachsenen muss sich zeigen, dass die Beschwerden schon in der Kindheit begonnen haben. Selbsttests aus dem Internet oder sozialen Medien ersetzen keine Diagnose. Fachleute diskutieren, ob ADHS heute zu oft oder zu selten festgestellt wird, umso wichtiger ist eine sorgfältige Abklärung.
Wie entsteht ADHS?
Die genauen Ursachen sind nicht abschließend geklärt, die genetische Veranlagung spielt aber eine wesentliche Rolle. Fachleute gehen davon aus, dass dabei die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn betroffen sind. Als mögliche Risikofaktoren gelten Rauchen, Alkohol oder Drogen in der Schwangerschaft sowie ein sehr niedriges Geburtsgewicht. Die Ernährung spielt, wenn überhaupt, nur eine geringe Rolle.
Fachleute raten Eltern, immer wieder daran zu denken, dass sich ihr Kind nicht mit Absicht so verhält.
Was hilft bei ADHS?
Am Anfang stehen Information und Beratung über ADHS, auch für Eltern und Lehrkräfte. Bei leichter ADHS kann eine Elternschulung genügen. Für Kinder unter sechs Jahren empfehlen Fachleute vorrangig Elternschulung, Psychotherapie und Ergotherapie, im Schulalter Medikamente zusammen mit solchen Maßnahmen. Psychotherapie setzt meist auf Verhaltenstherapie, gut gemachte Studien zu ihrem Nutzen bei Kindern sind aber noch rar.
Am häufigsten wird der Wirkstoff Methylphenidat eingesetzt. Infrage kommen auch Atomoxetin, Lisdexamfetamin, Dexamphetamin und Guanfacin. In Studien besserten sich die Beschwerden unter Methylphenidat bei 60 von 100 Kindern, unter einem Scheinmedikament bei 23 von 100. Die Medikamente wirken nur, solange sie eingenommen werden, und helfen nicht allen. Für Kinder unter sechs Jahren sind sie nicht zugelassen.
Mögliche Nebenwirkungen sind Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust, das Wachstum kann vorübergehend leicht gebremst sein. Weil die Mittel Blutdruck und Puls erhöhen können, prüfen Ärzt:innen vorher die Herzgesundheit. Unter Atomoxetin gibt es schwache Hinweise auf seltene Suizidgedanken, solche Anzeichen sollten ernst genommen werden. Eine Schwangerschaft oder ein Kinderwunsch sollte ärztlich besprochen werden.
Treten Nebenwirkungen auf, sollte das Medikament nicht einfach weggelassen, sondern mit der Ärztin oder dem Arzt besprochen werden. Regelmäßige Kontrollen von Blutdruck und Körpergröße helfen, ernsthafte Nebenwirkungen zu vermeiden.
Auch Erwachsenen können Medikamente und Verhaltenstherapie helfen, beides ist bei ihnen aber weniger gut untersucht. Viele entwickeln eigene Strategien, etwa feste Routinen, Erinnerungslisten und kleine Arbeitsschritte. Ob Neurofeedback, Diäten oder Nahrungsergänzungsmittel nützen, ist unklar.
Wer hilft in Österreich?
Für Kinder und Jugendliche sind Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und spezialisierte ADHS-Ambulanzen zuständig. Erste Anlaufstelle kann auch die Kinderärztin oder der Kinderarzt sein. Erwachsene wenden sich an Fachärzt:innen für Psychiatrie oder an ADHS-Ambulanzen. Psychotherapeut:innen und Klinische Psycholog:innen sind meist eingebunden. Notwendige und zweckmäßige Diagnose- und Therapiemaßnahmen übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung, teils mit Selbstbehalt.
Wie verläuft ADHS?
Mit dem Alter verändern sich die Beschwerden, die Hyperaktivität lässt oft nach. Etwa 50 bis 80 Prozent der Erwachsenen, die als Kind ADHS hatten, haben noch zumindest teilweise Beschwerden, rund 15 Prozent erfüllen weiterhin alle Kriterien. Kinder und Jugendliche mit ADHS haben häufiger Unfälle und verletzen sich öfter, auch Selbstverletzungen kommen vor. Wer an Suizid denkt, erreicht die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Kinder und Jugendliche Rat auf Draht unter 147. Im Notfall hilft die Rettung unter 144.