Was sind Lernstörungen?
Fachleute sprechen von einer Lernstörung, wenn die Leistung in einer schulischen Fertigkeit deutlich unter dem liegt, was für Alter und geistige Fähigkeiten zu erwarten wäre. Die internationale Klassifikation ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt sie als „Developmental learning disorder“ unter dem Code 6A03, auf Deutsch etwa „Lernentwicklungsstörung“.
Unterschieden werden Beeinträchtigungen beim Lesen, beim schriftlichen Ausdruck und in Mathematik, mehrere können zugleich bestehen. Das Wort Legasthenie geht laut Duden auf das lateinische „legere“ (lesen) und „Asthenie“ (Schwäche) zurück. Zur Häufigkeit gibt es unterschiedliche Angaben. Die WHO schätzt 5 bis 15 von 100 Schulkindern, das deutsche Institut IQWiG nennt 3 bis 8 von 100 Kindern.
Woran erkennt man eine Lernstörung?
Meist fallen die Schwierigkeiten erst nach Schulbeginn auf. Erste Hinweise kann es schon früher geben, etwa wenn ein Kind Laute schwer unterscheidet oder beim einfachen Zählen Mühe hat.
Bei einer Lesestörung lesen Kinder sehr langsam, machen viele Fehler, raten Wörter nach dem ersten Buchstaben oder verstehen das Gelesene schwer. Bei einer Rechtschreibstörung lassen sie Buchstaben aus, vertauschen sie oder wenden Regeln wie die Groß- und Kleinschreibung nicht an. Bei einer Rechenstörung fällt schon einfaches Zusammenzählen schwer, Kinder zählen lange mit den Fingern oder erfassen Mengen schlecht.
Manche Kinder entwickeln Angst vor der Schule oder klagen morgens über Bauch- oder Kopfschmerzen, die in den Ferien meist verschwinden. Nicht jedes langsamere Lernen ist eine Störung. Entscheidend ist laut ICD-11, dass die Schwierigkeiten trotz angemessener Lernmöglichkeiten dauerhaft bestehen.
Wie entstehen Lernstörungen?
Die genauen Ursachen sind nicht bekannt. Vermutet wird eine ver änderte Verarbeitung von Sprache, Schrift, Zahlen oder räumlichen Informationen. Bei der Legasthenie fällt es dem Gehirn schwer, Schriftzeichen den passenden Lauten zuzuordnen. Buchstabenverdrehungen beruhen deshalb meist nicht auf einem Sehproblem. Legasthenie tritt familiär gehäuft auf. Für Lernstörungen allgemein nennt das MSD Manual auch Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt als mögliche Ursache.
Fehlender Unterricht, mangelnde Kenntnis der Unterrichtssprache oder Seh- und Hörprobleme sind dagegen keine Lernstörung, auch wenn sie das Lernen erschweren.
Wie werden Lernstörungen abgeklärt?
Erste Anlaufstelle bei einem Verdacht sind in Österreich laut Gesundheitsportal die Lehrer:innen. Die Schulpsychologie kann eine klinisch-psychologische Diagnostik einleiten. Mögliche Erkrankungen klären Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder für Kinder- und Jugendheilkunde ab.
Zur Diagnostik gehören Lese-, Rechtschreib- und Rechentests, Intelligenztests sowie Seh- und Hörtests, um andere Ursachen auszuschließen. Ein einzelnes Testergebnis reicht laut ICD-11 nicht. Geprüft wird auch, ob Ängste, Depressionen oder ADHS hinzukommen, die häufig gemeinsam mit Lernstörungen auftreten (siehe „ADHS“). Von einer intellektuellen Beeinträchtigung unterscheiden sich Lernstörungen dadurch, dass nur bestimmte Fertigkeiten betroffen sind.
Was hilft bei Lernstörungen?
Von allein legen sich die Schwierigkeiten meist nicht, gezielte Unterstützung ist wichtig. Je nach Ausprägung kommen Förderung in der Schule, Lerntherapie mit Lese-, Rechtschreib- oder Rechenübungen einzeln oder in Kleingruppen sowie Beratung für Eltern infrage. Bei der Legasthenie erzielen laut MSD Manual direkte Lernmethoden, die mehrere Sinne einbeziehen, die besten Erfolge beim Erkennen von Wörtern. Älteren Kindern können Hörbücher oder Bildschirmleser helfen.
Wo liegen die Grenzen?
Medikamente verbessern weder die Schulleistung noch die allgemeine Lernfähigkeit. Bei zusätzlicher ADHS können bestimmte Medikamente aber die Aufmerksamkeit verbessern. Für Sehtraining, Wahrnehmungstraining oder ein Training der Hörverarbeitung bei Legasthenie ist laut MSD Manual keine Wirkung nachgewiesen, ebenso wenig für das Meiden von Lebensmittelzusatzstoffen oder hoch dosierte Vitamine.
Lernstörungen bleiben oft bis ins Erwachsenenalter bestehen.