Was sind Zwangsstörungen?
Fast jeder Mensch kontrolliert vor einer Reise einmal doppelt, ob der Herd wirklich aus ist. Bei einer Zwangsstörung ist der innere Drang zu solchen Gedanken oder Handlungen dagegen so stark, dass er sich nicht oder nur schwer kontrollieren lässt. Die Zwänge können mit der Zeit den ganzen Alltag bestimmen.
Die meisten Betroffenen wissen, dass ihre Zwänge übertrieben sind, und schaffen es trotzdem nicht, damit aufzuhören. Das belastet zusätzlich, und viele schämen sich und verheimlichen ihre Zwänge. Schätzungen zufolge haben bis zu 3 von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens mit einer Zwangsstörung zu tun. Sie beginnt meist um das 20. Lebensjahr, bei einem Drittel der Betroffenen schon in der Pubertät.
Woher kommt der Begriff?
Die Abkürzung OCD steht für die englische Bezeichnung Obsessive-Compulsive Disorder. Als einer der Ersten beschrieb der französische Psychiater Esquirol im 19. Jahrhundert eine junge Frau, die aus Angst andere Menschen und bestimmte Gegenstände nicht berühren wollte. Obwohl ihr das Übertriebene an ihren Sorgen bewusst war, konnte sie ihr Verhalten nicht lassen.
Im Jahr 1877 legte der deutsche Psychiater Carl Westphal in seiner Arbeit „Ueber Zwangsvorstellungen“ die erste klare Beschreibung vor. Er sah darin eine eigenständige Krankheit. Der Psychiater Emil Kraepelin sprach später von einer „Zwangsneurose“.
Woran erkennt man eine Zwangsstörung?
Fachleute unterscheiden Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, die oft gemeinsam auftreten. Zwangsgedanken drängen sich immer wieder ins Bewusstsein, lassen sich kaum abschütteln und werden oft als quälend erlebt. Typisch sind die Angst vor Keimen, die Sorge, etwas vergessen zu haben oder sich unangemessen zu verhalten, oder die Vorstellung, anderen oder sich selbst zu schaden. Auch ungewollte Gedanken sexueller Natur kommen vor.
Solche Gedanken zu haben, bedeutet nicht, sie auch in die Tat umzusetzen. Die britische Leitlinie NICE weist darauf hin, dass sexuelle oder aggressive Zwangsgedanken häufig sind und oft fälschlich als Gefahr gedeutet werden.
Zwangshandlungen sind Rituale, mit denen Betroffene bedrohliche Gedanken loswerden und sich sicherer fühlen wollen. Manche waschen sich die Hände, bis sie wund sind, andere kontrollieren immer wieder die Türe oder ordnen Dinge nach festen Regeln. Manche Rituale, etwa das Zählen, spielen sich nur im Kopf ab und sind von außen nicht sichtbar.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch über die Beschwerden und die Lebensgeschichte. Nach den in Österreich laut Gesundheitsportal verwendeten Kriterien (ICD-10) müssen die Zwänge für die Diagnose mindestens zwei Wochen bestehen und den Alltag deutlich beeinträchtigen. Die neuere Klassifikation ICD-11 der WHO stellt stattdessen darauf ab, dass Zwänge viel Zeit beanspruchen, etwa mehr als eine Stunde am Tag, oder erhebliches Leiden oder deutliche Beeinträchtigungen verursachen. Körperliche Ursachen wie eine Demenz oder ein Schlaganfall werden ärztlich ausgeschlossen.
Ähnlich wirken können etwa eine generalisierte Angststörung oder Tic-Störungen. Viele Menschen mit einer Zwangsstörung haben gleichzeitig eine Depression. Davon zu unterscheiden ist die anankastische oder zwanghafte Persönlichkeitsstörung, die sich unter anderem durch besonders großen Perfektionismus und Starrheit zeigt.
Wie entsteht eine Zwangsstörung?
Fachleute gehen davon aus, dass mehrere Ursachen zusammenwirken. Dazu zählen eine erbliche Veranlagung, psychische Belastungen sowie Krisen oder schwierige Lebensumstände.
Verschiedene Modelle versuchen die Entstehung zu erklären. Lerntheoretische Modelle gehen davon aus, dass Betroffene Angst und Anspannung durch Rituale zu vermeiden oder zu verringern versuchen, wodurch ein Teufelskreis aus Angst und Zwang entsteht. Neurobiologische Modelle verweisen auf veränderte Abläufe in bestimmten Hirnregionen und beim Botenstoff Serotonin. Psychodynamische Modelle sehen mögliche Ursachen in inneren, oft unbewussten Konflikten.
Wie verläuft eine Zwangsstörung?
Eine Zwangsstörung entwickelt sich meist schleichend, weshalb sie oft lange unbemerkt bleibt.
Unbehandelt verläuft die Erkrankung oft chronisch, wobei die Beschwerden mal stärker und mal schwächer sind. Auch beschwerdefreie Phasen sind möglich, und die Art der Zwänge kann sich mit der Zeit verändern.
Was hilft bei Zwangsstörungen?
Eine Zwangsstörung lässt sich nicht „heilen“, mit guter professioneller Unterstützung lassen sich die Beschwerden aber auf ein erträgliches Maß verringern. Als bevorzugte Behandlung gilt die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Eine wichtige Technik dabei ist die Reizkonfrontation mit Reaktionsverhinderung, auch Exposition genannt. Dabei stellen sich Betroffene schrittweise und therapeutisch begleitet den Auslösern ihrer Zwänge, ohne das gewohnte Ritual auszuführen.
Wer etwa einen Waschzwang hat, fasst etwas als schmutzig Empfundenes an und verzichtet danach auf das sofortige Händewaschen. So lässt sich erfahren, dass Angst und Unruhe auch ohne Zwangshandlung wieder vergehen. Ergänzend werden die Gedanken hinterfragt, die hinter den Zwängen stehen. Die Therapie verlangt Mut und kann gerade am Anfang belastend sein.
Ergänzend oder wenn eine Psychotherapie (noch) nicht möglich ist, kommen Antidepressiva infrage, vor allem selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Mögliche Nebenwirkungen sind etwa Übelkeit, Nervosität, Schlafstörungen und weniger sexuelle Lust. Zum Absetzen wird die Dosis ärztlich begleitet über Wochen allmählich verringert, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Das Antidepressivum Clomipramin ist eine weitere Möglichkeit, aber nicht erste Wahl.
Studien deuten darauf hin, dass Jugendliche unter SSRI häufiger an Suizid denken und häufiger Suizidversuche unternehmen. Deshalb sollen sie in der ersten Zeit der Behandlung vorsichtshalber öfter ärztliche oder therapeutische Termine wahrnehmen. NICE empfiehlt eine solche enge Begleitung auch für Erwachsene unter 30 Jahren und Menschen mit zusätzlicher Depression. Bei schweren Zwängen kann eine Kombination aus KVT und Medikamenten sinnvoll sein. Hilft das nicht, kommen eine transkranielle Magnetstimulation oder in sehr schweren Fällen eine tiefe Hirnstimulation infrage.
Für andere Psychotherapieformen, etwa Psychoanalyse oder Hypnose, gibt es als gezielte Behandlung der Zwangsstörung laut der britischen Leitlinie NICE bisher keinen überzeugenden Nachweis einer klinisch bedeutsamen Wirkung.
Angehörige werden manchmal in die Rituale hineingezogen, etwa indem sie eine bestimmte Ordnung einhalten. Die Behandlung soll ihnen helfen, sich behutsam wieder daraus zu lösen. Werden sie einbezogen, können sie eine wichtige Unterstützung sein, besonders nach Ende der Therapie.
Wer hilft in Österreich?
Eine erste Anlaufstelle kann die Ärztin oder der Arzt für Allgemeinmedizin sein. Weiterhelfen können Fachärzt:innen für Psychiatrie (und psychotherapeutische Medizin), bei Kindern und Jugendlichen für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch Psychotherapeut:innen, Klinische Psycholog:innen und Spitalsambulanzen für Psychiatrie sind Ansprechstellen. Notwendige und zweckmäßige Maßnahmen übernimmt die Sozialversicherung, bei manchen Leistungen können Selbstbehalte anfallen.
Bei einer Zwangserkrankung kann das Risiko für Suizidgedanken erhöht sein, besonders bei zusätzlicher Depression. Bei Gedanken an Suizid hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall ist die Rettung unter 144 zu rufen.