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Antidepressiva

09:00

Auf den Punkt gebracht

Antidepressiva sind Medikamente, die vor allem bei mittelgradigen und schweren Depressionen eingesetzt werden, daneben etwa bei Angst- und Zwangsstörungen oder Nervenschmerzen. Sie beeinflussen Botenstoffe im Gehirn und wirken meist erst nach ein bis zwei Wochen. Süchtig machen sie nicht, beim Absetzen können aber vorübergehend Beschwerden auftreten, deshalb wird die Dosis nur in ärztlicher Absprache schrittweise verringert.

Was sind Antidepressiva?

Antidepressiva sind Medikamente, die hauptsächlich zur Behandlung von Depressionen dienen. Sie gehören zu den Psychopharmaka und wirken vor allem stimmungsaufhellend, angstlösend und je nach Wirkstoff antriebssteigernd oder -dämpfend. Infrage kommen sie vor allem bei mittelschweren, schweren und chronischen Depressionen, bei leichten meist nicht. Oft werden sie mit einer Psychotherapie kombiniert.

Ärzt:innen verordnen sie außerdem bei Panikattacken und Angststörungen, Zwangsstörungen, posttraumatischer Belastungsstörung, Bulimie und Nervenschmerzen bei Diabetes. In manchen Medienberichten heißen Antidepressiva „Glückspillen“. Das weckt laut dem deutschen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) falsche Erwartungen. Antidepressiva sollen keine Glücksgefühle auslösen, sondern depressiven Menschen helfen, sich wieder normal zu fühlen.

Woher kommen Antidepressiva?

Die ersten beiden Antidepressiva kamen in den 1950er-Jahren in die Klinik, und beide gingen auf unerwartete Beobachtungen zurück. Iproniazid war zuvor gegen Tuberkulose eingesetzt worden und wurde zum Vorbild der MAO-Hemmer. Imipramin war ursprünglich als Mittel gegen Psychosen gedacht und wurde zum ersten trizyklischen Antidepressivum, seine Wirkung entdeckte der Schweizer Psychiater Roland Kuhn. Ende der 1980er-Jahre veränderte die Einführung von Fluoxetin, einem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die Behandlung erneut.

Welche Gruppen gibt es?

Antidepressiva werden nach chemischen Stoffgruppen eingeteilt und wirken über verschiedene Botenstoffe im Gehirn. In Österreich am häufigsten verschrieben werden SSRI, die verhindern, dass Serotonin in seine Speicher zurückbefördert wird. Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI oder SNRI) wirken zusätzlich auf Noradrenalin. Daneben gibt es weitere Gruppen und Einzelwirkstoffe, die älteren trizyklischen Antidepressiva und die MAO-Hemmer.

Lange galt als Erklärung, dass Antidepressiva die Verfügbarkeit von Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin verbessern. Laut IQWiG ist heute umstritten, ob diese Erklärung stimmt. Fachleute vermuten, dass auch andere Mechanismen eine wichtige Rolle spielen.

MAO-Hemmer blockieren das Enzym Monoaminooxidase und werden selten verschrieben, meist erst wenn andere Antidepressiva nicht wirken. Wer sie einnimmt, muss auf tyraminreiche Lebensmittel wie gereiften Käse, Salami oder Bier vom Fass verzichten und bestimmte Medikamente meiden. Sonst droht ein plötzlicher, starker Blutdruckanstieg mit heftig pochenden Kopfschmerzen, der einen Schlaganfall auslösen kann.

Was sind trizyklische Antidepressiva?

Trizyklische Antidepressiva (TZA) sind die älteste Gruppe und gelten als Antidepressiva der ersten Generation. Der Name beschreibt ihren chemischen Aufbau aus drei miteinander verbundenen Ringen. Sie hemmen die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Serotonin, wirken aber auch an weiteren Andockstellen im Nervensystem. Weil sie mehr Nebenwirkungen haben als neuere Antidepressiva, werden sie laut MSD Manual heute seltener verwendet.

In Studien wirkten TZA gegen Depressionen ähnlich gut wie SSRI und SSNRI. Ihre Nebenwirkungen sind aber oft belastender, häufiger sind etwa Mundtrockenheit, Verstopfung, Sehstörungen, Schwindel, Zittern und Probleme beim Wasserlassen. Älteren Menschen werden sie in der Regel nicht verschrieben, weil Nebenwirkungen bei ihnen meist stärker ausfallen. Unter TZA, aber auch unter SNRI besteht ein Risiko für Herzrhythmusstörungen. Eine Überdosis von TZA kann eine schwere, möglicherweise lebensbedrohliche Vergiftung auslösen.

Einzelne TZA kommen auch außerhalb der Depressionsbehandlung zum Einsatz, etwa Amitriptylin gegen Nervenschmerzen oder zur Vorbeugung von Migräne. Gegen Schlafstörungen werden mitunter ebenfalls Antidepressiva wie Amitriptylin verordnet. Über Nutzen und Schaden ist dabei laut IQWiG aber wenig bekannt.

Wie gut wirken Antidepressiva?

Je schwerer eine Depression ist, desto eher überwiegt der Nutzen. Eine spürbare Wirkung setzt meist nach ein bis zwei Wochen ein, mit der vollen Wirkung rechnen Fachleute nach drei bis vier Wochen. Welches Mittel einem Menschen hilft, ist schwer vorherzusagen, manchmal braucht es einen Wechsel.

Nach der Besserung werden Antidepressiva meist noch einige Monate weiter eingenommen, um einem Rückfall vorzubeugen. In Studien mit Erwachsenen hatten innerhalb von ein bis zwei Jahren etwa 23 von 100 Menschen mit Antidepressivum einen Rückfall. Mit Scheinmedikament waren es etwa 50 von 100.

Welche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen gibt es?

Mehr als die Hälfte der Behandelten berichtet von Nebenwirkungen, meist in den ersten Wochen. Unter SSRI sind Durchfall, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Übelkeit häufiger als unter TZA, auch sexuelle Störungen kommen vor. SSRI erhöhen leicht das Blutungsrisiko. Werden sie regelmäßig zusammen mit entzündungshemmenden Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure eingenommen, steigt das Risiko für Magenblutungen um ein Vielfaches, diese Kombination soll vermieden werden. Auch zusammen mit Blutgerinnungshemmern ist Vorsicht nötig. Schwindel und Gangunsicherheit können vor allem bei älteren Menschen zu Stürzen führen.

Bestimmte Antidepressiva dürfen nicht miteinander kombiniert werden, etwa MAO-Hemmer mit anderen Antidepressiva. Eine mögliche Folge ist laut MSD Manual das Serotonin-Syndrom, eine lebensbedrohliche Reaktion mit Fieber, Beschwerden an Nerven und Muskeln sowie psychischen Auffälligkeiten. Bei Verdacht braucht es rasch ärztliche Hilfe, bei schweren Anzeichen die Rettung unter 144 (siehe Glossarbegriff „Serotonin-Syndrom“). Weil auch Nahrungsergänzungsmittel Wechselwirkungen auslösen können, hilft ein Wechselwirkungs-Check in der Apotheke oder Arztpraxis. Manche Antidepressiva machen vor allem in den ersten Wochen benommen. Arzneimittel, die Reaktionsfähigkeit und Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen können, tragen in Österreich einen entsprechenden Warnhinweis.

Studien deuten laut IQWiG darauf hin, dass Jugendliche unter SSRI oder SSNRI häufiger an Suizid denken, eine Broschüre des Sozialministeriums sieht dafür keine sicheren Hinweise. Jugendliche sollen deshalb zu Beginn der Behandlung öfter ärztlich gesehen werden. Wer sich nach Beginn der Einnahme oder einer Dosiserhöhung unruhiger, ängstlicher oder niedergeschlagener fühlt, sollte das ärztlich melden. Eine unbehandelte Depression gilt laut MSD Manual allerdings als größeres Suizidrisiko.

Was ist beim Absetzen zu beachten?

Antidepressiva machen nicht körperlich abhängig oder süchtig, sollen aber nie eigenmächtig abgesetzt werden. Etwa ein Drittel der Behandelten hat nach dem Absetzen Beschwerden wie Schlafstörungen, Übelkeit, Unruhe, Schwindel oder ein Grippegefühl. Sie beginnen meist nach ein bis drei Tagen und werden häufig fälschlich für einen Rückfall gehalten. Bei plötzlichem Absetzen sind sie häufiger, deshalb wird die Dosis mit ärztlicher Begleitung über Wochen schrittweise verringert. Wer aufhört, sobald es besser geht, riskiert eine Rückkehr der Depression.

Was tun im Notfall?

Bei Verdacht auf eine Überdosis berät die Vergiftungsinformationszentrale unter 01 406 43 43, bei schweren Anzeichen ist die Rettung unter 144 zu rufen. Besonders gefährlich ist eine Überdosis zusammen mit Alkohol, Opioiden oder anderen Psychopharmaka. Bei Gedanken an Suizid hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147.

Wichtiger Hinweis

Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.

Quellen (18)