Was ist das Serotonin-Syndrom?
Das Serotonin-Syndrom, auch serotonerges Syndrom genannt, entsteht durch eine zu starke Reizung der Serotoninrezeptoren im Gehirn. Dazu kommt es etwa, wenn sich Substanzen im Körper anhäufen, die die Wirkung von Serotonin verstärken. Serotonin ist ein Botenstoff im Nervensystem, der unter anderem Stimmung, Schmerzwahrnehmung und den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst.
Betroffen sein können Menschen jeden Alters, und die Beschwerden reichen von leicht bis lebensbedrohlich.
Wie wurde das Krankheitsbild beschrieben?
Eine frühe Übersicht legte 1991 H. Sternbach von der psychiatrischen Abteilung der University of California in Los Angeles vor. Darin wurden 38 Fälle ausgewertet. Als häufigste Ursache zeigte sich damals das Zusammenwirken serotonerger Mittel mit sogenannten MAO-Hemmern, einer Gruppe von Antidepressiva.
Im Jahr 2003 stellte eine Forschungsgruppe aus Newcastle in Australien die Hunter-Kriterien vor. Sie waren einfacher und treffsicherer als die Kriterien nach Sternbach und werden heute für die Diagnose bevorzugt.
Was löst ein Serotonin-Syndrom aus?
Am häufigsten steckt eine unbeabsichtigte Wechselwirkung dahinter, wenn zwei serotonerg wirkende Mittel gleichzeitig eingenommen werden. Die häufigste Kombination ist ein Antidepressivum aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) zusammen mit dem Schmerzmittel Tramadol. Ein Serotonin-Syndrom kann aber auch bei regulärer Einnahme eines Medikaments oder nach einer Überdosis entstehen.
Infrage kommen viele Wirkstoffgruppen. Dazu zählen verschiedene Antidepressiva, Migränemittel aus der Gruppe der Triptane, mehrere Opioide, Lithium, der Hustenstiller Dextromethorphan und manche Mittel gegen Übelkeit. Auch Drogen wie Ecstasy (MDMA), Kokain, Amphetamine und LSD können es auslösen.
Auch Kräuter wie Johanniskraut, Ginseng und Muskatnuss sowie Tryptophan und 5-Hydroxytryptophan stehen auf der Liste. Solche Mittel können also ebenfalls an einer Wechselwirkung beteiligt sein.
Woran erkennt man ein Serotonin-Syndrom?
Die Beschwerden beginnen meist innerhalb von 24 Stunden, oft schon innerhalb von sechs Stunden nach einem neuen Medikament oder einer Dosisänderung. Psychisch zeigen sich etwa Angst, Unruhe, Schreckhaftigkeit und ein Delir mit Verwirrtheit. Der Körper reagiert mit schnellem Herzschlag, hohem Blutdruck, hoher Körpertemperatur, Schwitzen, Schüttelfrost, Erbrechen oder Durchfall.
Dazu kommen Zeichen an Nerven und Muskeln wie Zittern, Muskelzucken, Muskelstarre und gesteigerte Reflexe. In schweren Fällen drohen Krampfanfälle, ein Zerfall von Muskelgewebe, Nierenschäden und Gerinnungsstörungen.
Einen Test, der die Diagnose bestätigt, gibt es nicht. Ärzt:innen stützen sich auf die Beschwerden, die körperliche Untersuchung und die eingenommenen Mittel. Blut- und Urintests helfen, andere Ursachen wie Infektionen auszuschließen.
Was tun bei Verdacht?
Ein Verdacht auf ein Serotonin-Syndrom gehört sofort in ärztliche Hände. Bei schweren Anzeichen wie hohem Fieber, Krampfanfällen oder starker Verwirrtheit hilft die Rettung unter 144. Bei Verdacht auf eine Vergiftung, auch durch Medikamente oder Drogen, berät die Vergiftungsinformationszentrale rund um die Uhr unter 01 406 43 43. Eine Ärztin oder ein Arzt beurteilt dort, ob ärztliche Hilfe nötig ist.
Wie wird ein Serotonin-Syndrom behandelt?
Zuerst setzen Ärzt:innen alle Medikamente ab, die auf die Serotoninrezeptoren wirken. Leichte Beschwerden lassen sich oft mit einem Beruhigungsmittel lindern. Die meisten Betroffenen werden zur Überwachung und für weitere Untersuchungen im Spital aufgenommen.
Schwere Fälle brauchen eine Intensivstation, wo der Körper bei Bedarf gekühlt und die Temperatur engmaschig kontrolliert wird. Klingen die Beschwerden nicht rasch ab, kann ein Serotoninblocker wie Cyproheptadin gegeben werden. Die Studienlage dafür ist allerdings von geringer Qualität.
Wird das Serotonin-Syndrom früh erkannt und rasch behandelt, sind die Aussichten meist gut. Die Beschwerden legen sich üblicherweise innerhalb von 24 Stunden, bei lange wirkenden Medikamenten kann es länger dauern.