Bei der Binge-Eating-Störung kommt es immer wieder zu Essanfällen, bei denen Betroffene große Mengen essen und dabei die Kontrolle über das Essen verlieren. Anders als bei der Bulimie folgen keine regelmäßigen Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, deshalb entsteht häufig Übergewicht. Die Essstörung ist häufiger als Bulimie oder Magersucht und wird vor allem mit Psychotherapie behandelt.
Was ist die Binge-Eating-Störung?
Das englische „to binge“ bedeutet so viel wie hinunterschlingen. Bei einem Essanfall essen Betroffene oft schneller als sonst, ohne Hunger und bis zu einem unangenehmen Völlegefühl. Ein solcher Anfall kann bis zu zwei Stunden oder länger dauern. Aus Scham essen viele heimlich, danach folgen oft Ekel, Schuldgefühle oder Niedergeschlagenheit.
Zwischen den Anfällen essen die meisten weitgehend normal und versuchen in der Regel nicht, eine Gewichtszunahme gezielt auszugleichen. Gelegentlich zu viel zu essen, etwa an einem festlichen Buffet, ist dagegen keine Essstörung. Entscheidend ist, dass die Anfälle regelmäßig auftreten und als sehr belastend erlebt werden.
Seit wann gibt es die Diagnose?
Erstmals beschrieben hat solche Essanfälle 1959 der US-amerikanische Psychiater Albert Stunkard, im Zusammenhang mit starkem Übergewicht. Als eigene Diagnose wurde die Binge-Eating-Störung aber erst 2013 im US-amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5 anerkannt. 2018 folgte die Aufnahme in die ICD-11, die Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation.
Woran erkennt man eine Binge-Eating-Störung?
Kern sind wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust. Die ICD-11 nennt als Beispiel einmal pro Woche oder öfter über mehrere Monate. Das deutsche Institut IQWiG spricht von mindestens einem Anfall pro Woche in den letzten drei Monaten. Ärzt:innen oder Psychotherapeut:innen klären im Gespräch, ob eine andere Erkrankung dahintersteckt, etwa eine Bulimie oder eine Depression. Bluttests können körperliche Ursachen einer Gewichtszunahme wie eine Schilddrüsenunterfunktion ausschließen.
Die Erkrankung beginnt oft bei älteren Teenagern oder jungen Erwachsenen. Der Anteil der Männer ist höher als bei Magersucht und Bulimie, die Schätzungen reichen von einem Drittel bis fast zur Hälfte.
Wie entsteht eine Binge-Eating-Störung?
Meist wirken mehrere Ursachen zusammen. Viele Betroffene haben ein geringes Selbstwertgefühl und tun sich schwer, mit unangenehmen Gefühlen, Sorgen und Konflikten umzugehen. Manche greifen dann zum Essen, um sich zu belohnen oder zu betäuben. Als Risikofaktoren gelten außerdem häufige Diäten in der Kindheit, belastende Erfahrungen wie eine Trennung der Eltern oder Gewalt sowie eine erbliche Veranlagung.
Welche Folgen kann sie haben?
Die meisten Betroffenen haben Übergewicht, das unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes erhöht. Depressionen und Angststörungen kommen häufiger vor als bei Menschen ohne diese Essstörung. Viele schämen sich und verheimlichen ihr Essverhalten, was Beziehungen belasten und zu Rückzug führen kann. Einige denken an Suizid oder versuchen, sich das Leben zu nehmen.
Was hilft bei einer Binge-Eating-Störung?
Fachleute empfehlen in erster Linie eine Psychotherapie, vor allem eine kognitive Verhaltenstherapie. Sie ist am besten untersucht und hat sich als hilfreich erwiesen. Dabei geht es unter anderem darum, Auslöser zu erkennen und anders mit den Anfällen und den eigenen Gefühlen umzugehen. Laut österreichischem Gesundheitsportal ist die Behandlung bei etwa drei Viertel der Betroffenen erfolgreich, auf das Körpergewicht wirkt sie laut MSD Manual aber nur wenig.
Viele möchten außerdem abnehmen. Ernährungsberatung und Sport können dann Teil der Behandlung sein. Zugleich gilt es, einen weniger kritischen Blick auf die eigene Figur zu lernen, sonst kann aus dem Abnehmen wieder ein gestörtes Essverhalten werden.
Medikamente spielen eher eine geringe Rolle. Hilft eine Psychotherapie nicht ausreichend, kommen bestimmte Antidepressiva, ein ADHS-Medikament oder Mittel gegen Epilepsie infrage. Mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Unruhe.
Wer hilft in Österreich?
Eine erste Anlaufstelle kann die Hausärztin oder der Hausarzt sein. Weiter helfen Fachärzt:innen für Psychiatrie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapeut:innen, Klinische Psycholog:innen und Spezialambulanzen für Essstörungen. Kostenlos und anonym beraten zwei Stellen sowohl Betroffene als auch Angehörige: das Netzwerk Essstörungen unter 0512 57 60 26 und die Hotline für Essstörungen der Wiener Gesundheitsförderung unter 0800 20 11 20.
In einer akuten Krise hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall ist die Rettung unter 144 erreichbar.
Wichtiger Hinweis
Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.