Was ist Magersucht?
Magersucht zählt wie die Bulimie und die Binge-Eating-Störung zu den Essstörungen. Bei einer Magersucht kreisen die Gedanken immer öfter um Essen, Kalorien und die Frage, ob man zu viel gegessen hat. Zunächst lassen Betroffene sehr kalorienreiche Speisen weg, dann essen sie auch andere Lebensmittel nur noch in kleinen Mengen, bis immer längere Fastenphasen dazukommen. Den eigenen Körper nehmen sie oft ganz anders wahr als ihr Umfeld. Selbst sehr schlanke Menschen halten sich für zu dick. Viele erleben es als positiv, dem Hunger zu widerstehen und den Körper zu kontrollieren.
Magersucht beginnt meist in der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter, manchmal auch später. In Deutschland haben Schätzungen zufolge etwa 4 von 1.000 Mädchen und jungen Frauen eine Magersucht. Bei Burschen und Männern ist sie deutlich seltener, ihre Zahl wird aber vermutlich etwas unterschätzt.
Woher kommt der Name?
Das Wort Anorexie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Appetitlosigkeit“. Tatsächlich haben Menschen mit Magersucht aber Hunger, viele verlieren ihren Appetit erst, wenn sie bereits stark abgemagert sind.
Als Krankheitsbild beschrieben wurde die Magersucht um 1873 fast gleichzeitig und unabhängig voneinander vom Londoner Arzt William Gull und vom französischen Neuropsychiater Charles Lasègue.
Woran erkennt man Magersucht?
Eine Magersucht zeigt sich vor allem im Essverhalten, das von Verzicht geprägt ist. Betroffene essen sehr langsam und wägen jeden Bissen ab, manche nehmen nur widerwillig an gemeinsamen Mahlzeiten teil. Manche erfinden Ausreden, verstecken Essen oder werfen es weg. Viele wiegen sich sehr oft und zählen Kalorien, manche steigern mehr oder weniger heimlich ihr Sportpensum. Auch weite Kleidung oder mehrere Schichten übereinander können auffallen.
Mit der Zeit zeigt der Körper deutliche Zeichen. Bei Mädchen und Frauen bleibt die Regelblutung oft aus, bei Männern können Lust und Potenz nachlassen. Möglich sind ein langsamer Herzschlag, niedriger Blutdruck, eine niedrige Körpertemperatur und ein feiner Flaum am Rücken und im Gesicht. Schwindel, Herzklopfen und Ohnmachten können Zeichen einer Mangelernährung sein. Bei Kindern fehlt oft die erwartete Gewichtszunahme, Wachstum und Pubertät können sich verzögern.
Zu Beginn muss das Gewicht noch nicht auffällig niedrig sein, das typische Essverhalten kann trotzdem schon da sein. Viele Betroffene sehen bei sich kein Problem und verheimlichen ihr Essverhalten. Angehörige erkennen die Erkrankung deshalb manchmal erst, wenn sie schon weit fortgeschritten ist.
Wie stellen Fachleute die Diagnose?
Die Diagnose stellen Ärzt:innen oder Psychotherapeut:innen im ausführlichen Gespräch und mit körperlichen Untersuchungen. Nach der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation gehören dazu ein deutlich zu niedriges Körpergewicht und ein anhaltendes Verhalten, das eine Gewichtszunahme verhindert, meist verbunden mit Angst davor. Als üblicher Richtwert gilt bei Erwachsenen ein Body-Mass-Index (BMI) unter 18,5, bei Kindern und Jugendlichen gelten Alterskurven. Ein rascher Gewichtsverlust, etwa mehr als ein Fünftel des Körpergewichts in sechs Monaten, kann an die Stelle des Richtwerts treten.
Die ICD-11 unterscheidet zwei Muster: Beim restriktiven Muster wird nur gehungert, gefastet oder viel Sport getrieben. Beim zweiten Muster kommen Essanfälle oder Gegenmaßnahmen wie Erbrechen hinzu. Anders als bei der Bulimie steht das Untergewicht im Vordergrund, bei erfüllten Kriterien lautet die Diagnose deshalb Magersucht und nicht Bulimie. Je stärker das Untergewicht, desto höher sind laut ICD-11 das Risiko für körperliche Komplikationen und das Sterberisiko.
Weil Untergewicht allein keine Magersucht beweist, prüfen Ärzt:innen auch andere Ursachen. Blut- und Urinuntersuchungen, ein EKG oder eine Knochendichtemessung zeigen, ob die Mangelernährung schon Organe oder Knochen geschädigt hat.
Wie entsteht Magersucht?
Meist kommen mehrere Ursachen und Auslöser zusammen, das Risiko ist wahrscheinlich teilweise erblich beeinflusst. Viele Betroffene waren schon vorher mit Figur und Gewicht unzufrieden und fühlten sich deshalb weniger wert. Ein typischer Auslöser ist der Beginn der Pubertät, auf die Figur bezogenes Mobbing kann hinzukommen.
Warum ist Magersucht so gefährlich?
Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeit. Grund sind das teils lebensbedrohliche Untergewicht und ein erhöhtes Risiko für Suizid. Am gefährlichsten sind Störungen des Herzens sowie des Wasser- und Salzhaushalts. Der Tod kann plötzlich eintreten, wahrscheinlich durch Herzrhythmusstörungen. Erbrechen sowie Abführ- und Entwässerungsmittel können diese Gefahr verschlimmern.
Langfristig kann die Mangelernährung Knochen, Nieren und Leber schädigen, das Risiko für Osteoporose steigt. Auch das Gehirn kann beeinträchtigt werden, sodass es noch schwerer fällt, sich auf etwas anderes als Essen und Abnehmen zu konzentrieren. Ohne Behandlung verläuft eine Magersucht häufig chronisch.
Was hilft bei Magersucht?
Fachleute empfehlen in erster Linie eine Psychotherapie bei Therapeut:innen mit Erfahrung in dieser Essstörung. Ziele sind, wieder an Gewicht zuzunehmen, geregelt zu essen und sich wieder wohl und wertvoll zu fühlen. Bei Erwachsenen kommen etwa eine kognitive Verhaltenstherapie oder ein tiefenpsychologischer Ansatz infrage. Bei Kindern und Jugendlichen wird die Familie in der Regel einbezogen.
Als Ziel für die Gewichtszunahme nennt das IQWiG bis zu einem halben Kilogramm pro Woche. Am Anfang kann mehr Essen den Wasser- und Salzhaushalt durcheinanderbringen, deshalb werden auch Blutwerte kontrolliert. Medikamente spielen eine geringe Rolle, keines ist für die Behandlung der Magersucht zugelassen.
Ein Krankenhausaufenthalt ist etwa nötig, wenn das Gewicht rasch sinkt, das Untergewicht stark ist oder ambulant keine Zunahme gelingt.
Die Behandlung kann Jahre dauern. Laut Gesundheitsportal zieht sich die Erkrankung meist über mehrere Jahre, im Durchschnitt vergehen sechs Jahre bis zu einer Heilung. Je nach Quelle hat etwa ein Drittel bis die Hälfte der Behandelten danach noch Probleme oder Rückfälle. Vielen hilft die Behandlung aber nachhaltig, vor allem, wenn sie früh beginnt.
Selbsthilfegruppen und Online-Communities können unterstützen, sie sollten laut IQWiG aber die Genesung fördern und nicht Untergewicht verherrlichen.
Wer hilft in Österreich?
Eine erste Anlaufstelle kann die Hausärztin oder der Hausarzt sein. Weiter helfen Fachärzt:innen für Psychiatrie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapeut:innen, Klinische Psycholog:innen und Spezialambulanzen für Essstörungen. Kostenlos und anonym beraten das Netzwerk Essstörungen unter 0512 57 60 26 und die Hotline für Essstörungen der Wiener Gesundheitsförderung unter 0800 20 11 20. Beide beraten auch Angehörige. Die Hotline ist Montag bis Donnerstag von 12 bis 17 Uhr erreichbar, außer an Feiertagen.
In einer akuten Krise hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall ist die Rettung unter 144 erreichbar.