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Gymnastikmatte, Übungsband und Schaumstoffrolle auf dem Boden eines hellen Wohnzimmers

Liebscher & Bracht: Was steckt hinter der Methode?

19.10.2026 (aktualisiert am 19.10.2026)
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Lesedauer: 10 min
Physiotherapie
Schmerzen
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Ein Video verspricht, dass ein paar Dehnübungen deine Rückenschmerzen lösen, und überall taucht derselbe Name auf: Liebscher & Bracht. Hier erfährst du, was hinter dem Konzept steckt, was die Forschung dazu sagt und wie Fachleute es einordnen. Außerdem liest du, wer in Österreich Schmerzen behandeln darf, was die Krankenkasse zahlt und bei welchen Warnzeichen du zuerst ärztlich abklären solltest.

Was steckt hinter Liebscher & Bracht?

Liebscher & Bracht ist der Name eines Übungskonzepts gegen Schmerzen und zugleich der Name der Unternehmen, die es verbreiten. Sie haben laut Impressum ihren Sitz in Bad Homburg in Deutschland. Nach eigener Darstellung haben Roland Liebscher-Bracht und die Ärztin Petra Bracht die Methode in über 30 Jahren entwickelt.

Das Unternehmen erklärt Schmerzen nach eigener Darstellung so: Die meisten Schmerzen entstünden durch zu hohe Spannungen in Muskeln und Faszien. Einseitige Bewegung im Alltag führe zu „Verkürzungen“, der Druck auf Gelenke und Knorpel steige, und der Schmerz sei eine Warnung davor. Das Unternehmen nennt das „Alarmschmerz“. Was Faszien sind und was über die Faszienrolle bekannt ist, erklärt der Glossarbegriff Faszien.

Die Selbstdarstellung nennt drei Techniken:

  • Dehnen: sogenannte Engpassdehnungen, laut Unternehmen 27 Grundübungen für alle Körperbereiche. Sie gelten dort als „Herzstück“ der Methode.
  • Rollen: eine Faszien-Rollmassage mit eigens entwickelten Rollen.
  • Drücken: die „Osteopressur“, also Druck auf fest definierte Punkte am Knochen. Laut Unternehmen werden dabei „Alarmschmerz-Rezeptoren“ an der Knochenhaut gedrückt, was über das Gehirn „gespeicherte Hirnprogramme“ zurücksetzen soll.

Das Unternehmen verbreitet das Konzept über kostenlose Videos, eine App, Bücher und Übungsgeräte. Laut einer Übersichtsarbeit von 2022, also einer Auswertung der vorhandenen Fachliteratur, bietet das Unternehmen außerdem Kurse für Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen und andere an. Damals hatten mehr als 5.000 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen solchen Kurs absolviert. Das Unternehmen spricht von „Zertifizierten Liebscher & Bracht-Therapeuten“. Laut Physio Austria bezeichnen sich Absolvent:innen danach auch als „Schmerzspezialist:innen“ oder „Schmerztherapeut:innen“. Der Begriff „Schmerztherapeut“ ist laut dem österreichischen Physiotherapie-Verband Physio Austria nicht geschützt.

Wenn du das Konzept einordnen willst, trenne deshalb zwei Fragen: Tun dir die Übungen gut? Und stimmt die Erklärung, die dahinter steht? Zur ersten Frage gibt es keine Studien, zur zweiten eine klare Antwort aus der Fachliteratur.

Studienlage: in der Fachdatenbank keine Studie zur Wirkung

In der medizinischen Fachdatenbank PubMed ist bis heute keine Studie zu finden, die die Wirkung der Liebscher-&-Bracht-Methode prüft. Eine Suche in der Fachdatenbank PubMed nach „Liebscher Bracht“ ergab im Oktober 2026 genau einen Treffer: eine kritische Übersichtsarbeit aus der Zeitschrift für Orthopädie und Unfallchirurgie von 2022. Ihre Autor:innen schreiben, in wissenschaftlichen Datenbanken finde sich „keine einzige Studie“ zu Methoden, Erklärungsmodellen oder Behandlungsergebnissen.

Geschrieben haben sie Orthopäd:innen, Physiotherapeut:innen und Schmerzmediziner:innen, darunter die damaligen Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie und des Berufsverbands Österreichischer Fachärzte für Orthopädie. Ihr Ergebnis:

  • Keine Studie zeigt, dass zu hohe Muskel- oder Faszienspannung Bandscheiben schädigt.
  • Eine Übersichtsarbeit fand keine Studie, die einen Zusammenhang zwischen bestimmten Sitz- oder Schlafhaltungen und verkürzten Muskeln oder Rückenschmerzen zeigt.
  • Dass sich Knorpel bei Arthrose durch bessere Gelenkbeweglichkeit erneuert, ist nicht belegt.

Ihr Fazit lautet: „Die Analyse der aktuellen Fachliteratur zeigt keine Evidenz für die Erklärungsmodelle muskuloskelettaler Erkrankungen nach Liebscher & Bracht.“ Es handelt sich dabei um eine erzählende Übersicht (narratives Review), nicht um eine systematische Übersichtsarbeit, bei der alle Studien zu einer Frage vollständig erfasst werden.

2018 meldete eine österreichische Fachhochschule eine kleine Studie zur Osteopressur bei Schulterschmerzen im Deutschen Register Klinischer Studien an, geplant mit 40 Teilnehmenden und einer Scheinbehandlung zum Vergleich. Der Eintrag wurde seit März 2018 nicht mehr aktualisiert und enthält keine Ergebnisse. Auf diese Studie verweist auch Physio Austria.

Fehlende Studien beweisen nicht, dass die Übungen nutzlos sind. Die Autor:innen der Übersichtsarbeit halten selbst fest, dass das Unternehmen Menschen gut zum Üben motiviert und dass schon das positive Effekte auf Schmerzen haben kann. Physio Austria sieht es ähnlich: Jede Behandlung kann kurzfristig Schmerzen lindern, und Erwartung, Auftreten der Behandelnden und Suggestion wirken mit. Ob das Konzept mehr leistet, lässt sich laut dem Verband mangels Daten nicht sagen. Wenn dir eine Übung hilft, schreib ihr deshalb nicht automatisch eine besondere Wirkung zu, sondern betrachte sie als eine von vielen Bewegungsformen.

Was Fachleute an dem Konzept kritisieren

Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Erklärungen und gegen die Frage, ob vor einer Behandlung gründlich genug untersucht wird. Physio Austria hat dazu 2022 zwei Stellungnahmen veröffentlicht.

Ein Fachkommentar für den Verband hält fest, dass eine Suche in PubMed und in der Cochrane Library zu den Osteopressur-Punkten außer einer damals noch laufenden Studie keine Ergebnisse brachte. Das Denkmodell zum Schmerz entbehre „beinahe jedweder neurophysiologischen Grundlage“. Besonders deutlich widerspricht der Fachkommentar der Aussage, man könne durch Drücken auf Knochenpunkte eine saubere Unterscheidung der Ursachen treffen. Gefährliche Erkrankungen seien zwar selten, könnten sich aber hinter Schmerzen verbergen. Um sie zu erkennen, brauche es ein ausführliches Gespräch, gezielte Fragen und Untersuchungen.

Die orthopädische Übersichtsarbeit warnt vor einem weiteren Punkt: Wer Schmerz vor allem als rote Warnleuchte für einen Schaden versteht, kann bei chronischen Schmerzen Angst vor Bewegung entwickeln und sich immer weniger bewegen. Das schwächt Kraft und Beweglichkeit und kann die Beschwerden verstärken.

Beide Quellen erkennen auch etwas an. Physio Austria schreibt, es sei positiv, dass das Konzept Menschen zu Bewegung animiere. Achte deshalb vor allem darauf, wie du über deinen Schmerz denkst: Bewegung ist bei den meisten Rückenschmerzen erwünscht, und ohne Warnzeichen gibt es laut IQWiG keinen Grund, sich davor zu fürchten.

Person dehnt zu Hause auf einer Matte das Bein mit einem Übungsband

Wer in Österreich Schmerzen behandeln darf

Krankheiten festzustellen und zu behandeln ist in Österreich vor allem Ärzt:innen vorbehalten. Das Ärztegesetz zählt die Schmerztherapie ausdrücklich zu den ärztlichen Tätigkeiten. Wer keinen gesetzlich geregelten Gesundheitsberuf hat, darf Krankheiten weder feststellen noch behandeln. Andere Gesundheitsberufe wie Physiotherapeut:innen behandeln Schmerzen im Rahmen ihres eigenen Berufsgesetzes.

Physiotherapeut:innen arbeiten nach dem MTD-Gesetz 2024. Sie behandeln nach ärztlicher Anordnung eigenverantwortlich, in der Vorbeugung auch ohne Anordnung. Physiotherapeutische Tätigkeiten dürfen nur Personen ausüben, die dazu berechtigt sind. Wer es ohne Berechtigung tut, begeht eine Verwaltungsübertretung, die mit bis zu 5.000 Euro bestraft werden kann. Physiotherapeut:innen müssen außerdem ärztliche Hilfe beiziehen, wenn der Gesundheitszustand es erfordert oder Risikofaktoren erkennbar werden.

Für das Konzept bedeutet das laut Physio Austria:

  • Physiotherapeut:innen dürfen die Methode grundsätzlich anwenden, weil sie klassische Bestandteile der Physiotherapie enthält, etwa Bewegungstherapie, Faszientechniken und Akupressur. Eine zeitgemäße Behandlung beruhe aber auf einer fundierten Befundung und verzichte auf Erklärungsmodelle ohne Evidenz.
  • Personen ohne gesetzlichen Gesundheitsberuf, die nach einem Kurs als „Schmerzspezialist:innen“ oder „Schmerztherapeut:innen“ Patient:innen behandeln, verstoßen nach Ansicht des Verbands gegen den Berufsvorbehalt der Physiotherapie. Physio Austria hat nach eigenen Angaben im Juni 2019 rechtliche Schritte gegen solche Anbieter:innen eingeleitet und berichtet, einige seien daraufhin zur Unterlassung ihres Angebots angehalten worden.

Auch das Unternehmen selbst schränkt sein Informationsangebot ein. In seinem Impressum steht, die Inhalte dienten „ausschließlich der Hilfe zur Selbsthilfe bei Wohlbefindlichkeitsstörungen“. Eine Behandlung von Krankheiten im medizinischen Sinne finde nicht statt.

Frag deshalb vor einem Termin, welchen Gesundheitsberuf die Person hat. Physiotherapeut:innen müssen im Gesundheitsberuferegister eingetragen sein. Im öffentlichen Teil des Registers kannst du Name, Berufsbezeichnung, Gültigkeit der Eintragung und bei freiberuflich Tätigen auch Kassenverträge nachsehen.

Was kostet das, und zahlt die Krankenkasse?

Die Krankenkasse übernimmt Kosten für Physiotherapie, wenn du eine ärztliche Verordnung hast. Bücher, Apps, Online-Programme und Übungsgeräte nennt die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) auf ihrer Seite zur Physiotherapie nicht als Leistung. Unabhängige, belegte Preisangaben zu Kursen und Behandlungen liegen nicht vor, deshalb nennt dieser Artikel keine.

Für Physiotherapie mit Verordnung gilt bei der ÖGK:

  • Physiotherapeut:in mit Kassenvertrag oder ÖGK-Gesundheitszentrum für physikalische Medizin: Die Behandlung ist für dich kostenlos.
  • Wahlphysiotherapeut:in ohne Kassenvertrag: Du zahlst zuerst selbst. Die ÖGK erstattet 80 Prozent des Tarifs, den sie einer Vertragsphysiotherapeutin oder einem Vertragsphysiotherapeuten zahlen würde.

Eine Bewilligung ist laut ÖGK derzeit nicht nötig. Für die Erstattung brauchst du Verordnung, bezahlte Honorarnote und Zahlungsnachweis. Bist du bei der BVAEB oder der SVS versichert, frag dort nach den Regeln.

Wenn eine Physiotherapeutin oder ein Physiotherapeut mit Elementen aus dem Konzept arbeitet, frag vorab, ob die Behandlung als Physiotherapie abgerechnet wird und was du selbst zahlst. Bei allen Angeboten außerhalb der Kasse lass dir Preis und Zahl der geplanten Termine vor dem ersten Termin nennen.

Passt das für dich?

Übungen nach dem Konzept können für dich in Frage kommen, wenn eine Ärztin oder ein Arzt eine ernste Ursache ausgeschlossen hat und du gern selbst übst. Bei unklaren oder neuen Beschwerden ist es nicht der erste Schritt.

Eher passend:

  • Deine Rücken- oder Nackenschmerzen sind ärztlich abgeklärt, und du suchst Übungen für zu Hause.
  • Du verstehst die Übungen als Bewegung, nicht als Heilung, und erwartest keine Wirkung, die über andere Bewegungsformen hinausgeht.
  • Du lässt dich bei Unsicherheit von einer Physiotherapeutin oder einem Physiotherapeuten anleiten.

Besser nicht oder nur nach Rücksprache:

  • Du hast neue, starke oder ungeklärte Schmerzen.
  • Die Erklärungen machen dir Angst, dass jede Bewegung schadet.
  • Dir wird von einer ärztlich empfohlenen Behandlung oder Operation abgeraten. Die orthopädische Übersichtsarbeit beschreibt, dass anerkannte Gründe für Operationen bei Arthrose oder Bandscheibenvorfällen in dem Konzept oft angezweifelt werden. Hol in diesem Fall lieber eine zweite ärztliche Meinung ein.

Diese Warnzeichen gehören zuerst ärztlich abgeklärt

Rückenschmerzen sind laut dem österreichischen Gesundheitsportal und dem deutschen Gesundheitsinstitut IQWiG meist ungefährlich. Bei folgenden Anzeichen solltest du aber zur Ärztin oder zum Arzt gehen:

  • Schmerzen, die bis über das Knie oder in den Fuß ausstrahlen, mit Taubheit, Kribbeln oder Muskelschwäche
  • Probleme beim Wasserlassen oder Stuhlgang
  • Taubheit im Gesäß, im Genitalbereich oder am After
  • Fieber, Schüttelfrost oder Nachtschweiß
  • unerklärlicher Gewichtsverlust, körperliche Schwäche oder eine frühere Krebserkrankung
  • Rückenschmerzen nach einem Unfall oder Sturz, bei Osteoporose auch nach einem Sturz aus dem Stand

Auch ohne diese Anzeichen gilt laut dem österreichischen Gesundheitsportal: Werden akute Rückenschmerzen nach vier bis sechs Wochen nicht besser, gehört das ärztlich abgeklärt, weil dann das Risiko für chronische Schmerzen steigt.

Starke Beschwerden oder Lähmungserscheinungen im Bein gehören laut IQWiG sofort ärztlich abgeklärt. Dahinter kann ein sogenanntes Kauda-Syndrom stecken, bei dem Nerven im unteren Rücken so stark gequetscht werden, dass bleibende Schäden drohen.

Ärztin erklärt am Schreibtisch ein Modell der Wirbelsäule

Was bei Rückenschmerzen nachweislich hilft

Am besten belegt ist bei anhaltenden Rückenschmerzen regelmäßige Bewegung. Laut IQWiG gibt es über 200 Studien zu Bewegungstherapien bei Rückenschmerzen. Bei chronischen Kreuzschmerzen ließen die Schmerzen danach im Schnitt um 15 Punkte auf einer Skala von 0 bis 100 nach, und die Wirkung hielt längerfristig an. Bewährt haben sich laut IQWiG Kräftigungs- und Stabilisierungsübungen, Pilates, Tai-Chi, Yoga und regelmäßiges Gehen.

Auch das österreichische Gesundheitsportal sagt: Das Wichtigste ist, aktiv und in Bewegung zu bleiben. Bei akuten unspezifischen Rückenschmerzen klingen die Beschwerden schneller ab, wenn du in Bewegung bleibst und Bettruhe vermeidest. Das Gesundheitsportal rät, einen Sport zu wählen, der dir wirklich Spaß macht und gut in deinen Alltag passt.

Bewegung kann vorübergehend Muskelkater oder etwas stärkere Schmerzen auslösen. Laut IQWiG besteht ohne Warnzeichen trotzdem kein Grund, sich vor Bewegung zu fürchten. Such dir also eine Bewegungsform, die du gern machst und durchhältst, egal unter welchem Namen.

Was jetzt tun?

  • Geh mit neuen, starken oder unklaren Schmerzen zuerst zu deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Bei Fragen rund um die Uhr hilft die Gesundheitsberatung 1450.
  • Frag vor einer Behandlung nach dem Gesundheitsberuf und prüfe Physiotherapeut:innen im öffentlichen Gesundheitsberuferegister.
  • Lass dir für Physiotherapie eine ärztliche Verordnung ausstellen und kläre, ob du zu einer Kassen- oder Wahlphysiotherapeutin gehst. Heb Honorarnote und Zahlungsnachweis auf.
  • Bleib in Bewegung und wähle Übungen, die dir Freude machen. Eine Physiotherapeutin oder ein Physiotherapeut kann dir ein passendes Programm zusammenstellen.
  • Bei Lähmungen im Bein, Taubheit im Gesäß oder Problemen mit Blase oder Darm lass dich sofort ärztlich untersuchen, außerhalb der Ordinationszeiten über den Ärztenotdienst 141.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.
Quellen