„Neurose“ ist ein älterer Sammelbegriff für eine Gruppe psychischer Störungen, zu der etwa Angst-, Zwangs-, Belastungs-, dissoziative und somatoforme Störungen gezählt wurden. Die heutigen Diagnoseklassifikationen verwenden ihn nicht mehr als Ordnungsprinzip. In der in Österreich verwendeten ICD-10 lebt er noch in der Gruppenbezeichnung „Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen“ fort.
Was bedeutet „Neurose“?
Das Wort leitet sich vom griechischen „neuron“ für Nerv ab. Im 18. Jahrhundert entstand daraus das medizinisch-lateinische „Neurosis“ für Erkrankungen des Nervensystems. Cullen fasste darunter Ende des 18. Jahrhunderts alle Krankheiten der Nerven und Muskeln zusammen. Um 1800 galten Neurosen deshalb als körperlich verursacht.
Bis etwa 1900 kehrte sich dieses Verständnis um. Die meisten Psychiater sahen die Ursache von Neurosen nun im Seelischen, auch wenn manche weiter verborgene körperliche Veränderungen vermuteten. Freud verwendete den Begriff Ende des 19. Jahrhunderts für Störungen, die mit seelischen Konflikten verbunden sind und auf einer ungünstigen Verarbeitung von Erlebnissen beruhen. Emil Kraepelin rang in seinem Lehrbuch ebenfalls mit dem Begriff und behielt wegen mangelnder Trennschärfe schließlich nur die „psychogenen Neurosen“ bei.
Traditionell stand die Neurose der Psychose gegenüber. Dieses Begriffspaar zählte zu den wichtigsten Unterscheidungen der psychiatrischen Klassifikation. Der Begriff „Psychose“ entstand 1845 und bezeichnete ursprünglich sogar nur eine Untergruppe der damals viel weiter gefassten Neurosen.
Welche Störungen zählte man dazu?
Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) findet sich der größte Teil der Störungen, die als Neurosen gelten, heute in der ICD-10-Gruppe F40–F48. Dazu gehören phobische Störungen und andere Angststörungen, die Zwangsstörung, Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, dissoziative Störungen, somatoforme Störungen sowie „andere neurotische Störungen“ wie die Neurasthenie. Eine Ausnahme ist die frühere depressive Neurose, die bei den affektiven Störungen eingeordnet ist.
Viele alte Bezeichnungen leben in der ICD-10 als gleichbedeutende Begriffe weiter. So steht die „Angstneurose“ bei der generalisierten Angststörung, die „anankastische Neurose“ bei der Zwangsstörung und die „traumatische Neurose“ bei der posttraumatischen Belastungsstörung. Die „neurotische Depression“ ist der Dysthymia zugeordnet, einer lang anhaltenden, leichteren depressiven Verstimmung.
Warum ist der Begriff aus den Klassifikationen verschwunden?
Mit der ICD-10 gab die WHO die traditionelle Unterscheidung zwischen Neurose und Psychose auf. Stattdessen ordnet sie Störungen nach gemeinsamen Hauptthemen und beschreibenden Ähnlichkeiten. Das Wort „neurotisch“ behielt sie nur für gelegentlichen Gebrauch bei, etwa in der Überschrift der Gruppe F40–F48. Die Störungen wurden dort wegen ihrer historischen Verbindung zum Neurosenbegriff zusammengefasst.
In der neueren ICD-11, seit 2022 in Kraft, trägt keine Störungsgruppe mehr das Wort „neurotisch“ im Namen. Angst- oder furchtbezogene Störungen, Zwangsstörungen, belastungsbezogene Störungen, dissoziative Störungen und Störungen mit körperlichen Beschwerden oder des Körpererlebens bilden dort jeweils eigene Gruppen (Bezeichnungen sinngemäß aus dem Englischen übersetzt). In Österreich werden Diagnosen derzeit weiterhin nach der ICD-10 verschlüsselt. Dort gibt es nach wie vor auch die Diagnose „Neurotische Störung, nicht näher bezeichnet“.
Was hilft bei neurotischen Störungen?
Weil „Neurose“ keine einzelne Diagnose ist, gibt es auch keine einheitliche Behandlung. Entscheidend ist, welche Störung genau vorliegt. Psychotherapie soll laut Gesundheitsportal psychische Störungen mit Krankheitswert lindern, zum Beispiel Depressionen und Angststörungen.
Erste Ansprechstelle bei psychischen Beschwerden kann die Hausärztin oder der Hausarzt sein, die bei Bedarf weiter überweisen. Weitere Anlaufstellen sind Fachärzt:innen für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Klinische Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen.
Wichtiger Hinweis
Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.