balancio

Anpassungsstörung

05:15

Auf den Punkt gebracht

Eine Anpassungsstörung ist eine belastende seelische Reaktion auf ein einschneidendes Lebensereignis wie eine Trennung, den Verlust des Arbeitsplatzes oder eine schwere Diagnose. Betroffene kommen gedanklich nicht von der Belastung los und finden sich in der neuen Lage nicht zurecht, sodass Alltag, Beziehungen oder Arbeit leiden. Meist klingen die Beschwerden innerhalb von sechs Monaten ab, nachdem die Belastung geendet hat.

Was ist eine Anpassungsstörung?

Eine Anpassungsstörung entsteht in der Zeit, in der sich ein Mensch an eine entscheidende Lebensveränderung anpassen muss. Auslöser kann ein einzelnes Ereignis sein, eine anhaltende Schwierigkeit wie die Pflege eines schwer beeinträchtigten Angehörigen oder mehrere Belastungen zugleich. Die Klassifikation ICD-10 nennt etwa Trauerfälle, Trennungen, Flucht, den Ruhestand oder die Elternschaft.

Wie anfällig jemand ist, spielt für das Auftreten eine bedeutsame Rolle. Ohne die Belastung wäre die Störung aber nicht entstanden.

Woran erkennt man eine Anpassungsstörung?

Kennzeichnend ist laut der neueren Klassifikation ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die Gedanken ständig um die Belastung und ihre Folgen kreisen. Betroffene sorgen sich übermäßig, grübeln oder werden von quälenden Gedanken an das Ereignis heimgesucht. Erinnerungen können die Beschwerden verstärken, manche meiden deshalb alles, was daran erinnert. Dazu kommen oft gedrückte Stimmung, Angst und das Gefühl, mit dem Alltag nicht zurechtzukommen. Manche rauchen oder trinken mehr als sonst.

Bei Kindern zeigt sich eine Anpassungsstörung oft indirekt, etwa durch Bauch- oder Kopfschmerzen, Wutanfälle, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme oder starkes Anklammern. Bei Jugendlichen kann riskantes Verhalten hinzukommen.

Die Beschwerden beginnen meist innerhalb eines Monats, manchmal erst nach etwa drei Monaten.

Wann ist eine Reaktion keine Anpassungsstörung?

Beschwerden, die nach wenigen Tagen abklingen, gelten in der Regel nicht als Anpassungsstörung. Auch gewöhnliche Trauer ist keine psychische Störung, erst wenn sie über das zu erwartende Maß hinausgeht, kommt die Diagnose infrage. Reichen die Beschwerden für eine andere psychische Erkrankung aus, etwa eine Depression, wird diese festgestellt.

Die Belastung muss nicht außergewöhnlich bedrohlich sein wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Umgekehrt entwickeln auch nach extremen Erlebnissen viele Menschen eine Anpassungsstörung und keine posttraumatische Belastungsstörung.

Wie hat sich der Begriff verändert?

In der ICD-10, nach der in Österreich Diagnosen verschlüsselt werden, ist die Anpassungsstörung eine Art Restdiagnose für Beschwerden nach einer Belastung, die für keine andere Störung ausreichen. Die ICD-11 beschreibt sie dagegen über ein eigenes Kernmerkmal, das gedankliche Verhaftetsein mit der Belastung. Dort steht sie in einer neuen Gruppe von Störungen, die ausdrücklich an belastende Ereignisse gebunden sind.

Wie verläuft eine Anpassungsstörung?

Die Beschwerden lassen meist nach, wenn die Belastung endet, wenn ausreichend Unterstützung da ist oder Betroffene neue Wege der Bewältigung finden. Plötzliche Ereignisse führen eher zu raschem Beginn und kürzerer Dauer, anhaltende Belastungen eher zu späterem Beginn und längerer Dauer. Bestehen die Beschwerden länger als sechs Monate nach dem Ende der Belastung, prüfen Fachleute eine andere Diagnose.

Obwohl sie oft als leicht gilt, geht eine Anpassungsstörung laut einer Übersichtsarbeit nicht selten in schwerere psychische Erkrankungen über. Zudem gilt das Risiko für Suizidversuche und Suizid als erhöht.

Was hilft bei einer Anpassungsstörung?

Die meisten Betroffenen erholen sich mit der Zeit und mit Unterstützung von Familie und Freund:innen. Eingesetzt werden verschiedene Formen der Psychotherapie, etwa Kurzpsychotherapie, Kognitive Verhaltenstherapie oder unterstützende Gespräche, oft gezielt auf ein Thema wie Trauer. Medikamente werden vor allem gegen einzelne Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Angst oder depressive Verstimmung eingesetzt. Die Studienlage ist allerdings schwach. Eine systematische Übersicht stufte die Belege für alle untersuchten Behandlungen als niedrig bis sehr niedrig ein.

Hilfreich sind auch Sicherheit, ein geregelter Tagesablauf und Kontakte zu Familie und Freundeskreis.

Wer hilft in Österreich?

Eine erste Ansprechstelle kann die Hausärztin oder der Hausarzt sein. Weiter helfen Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Klinische Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen.

Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall ist die Rettung unter 144 erreichbar.

Wichtiger Hinweis

Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.

Quellen (10)