Mein Vater hat dann selbst einen Job gehabt. Also er hat keinen Job gehabt, sondern er war Beamter. Da sind wir weit weg von einem Job eigentlich. Mein Vater war Garderobier im Burgtheater. Jetzt bin ich als kleiner Bursche im Burgtheater drinnen gewesen und habe den Theaterbetrieb von hinten kennengelernt und meinen Vater beobachtet, wann er hinter der Bühne gearbeitet hat, dass er in der Manteltasche von der Bundestheaterverwaltung, die haben so weiße Arbeitsmäntel gehabt, hat er immer einen von der Bellendenz Flasche einstecken gehabt.
Bellendenz ist ein Elektrolytgetränk, ein leicht alkoholisches, ein Erfrischungsgetränk, aber nicht für ihn selber, sondern für die Schauspieler, die bei einem raschen Umzug schnell herunterrennen und während der Vater den Hut gewechselt hat, haben die reingegriffen und haben einfach rausgehauen. Also wirklich Burgtheater-Stars. Und dann sind sie heraus und haben weitergespielt. Und das habe ich als kleiner Bub beobachtet und habe mir gedacht: „Okay, ein seltsamer Beruf.
Weil wenn man Alkoholiker werden will, geht zur Post, braucht man nichts auslernen, ginge leichter auch." Aber trotzdem habe ich Theater kennengelernt von einer ganz anderen Seite. Die zweite Sache, die wichtig war für mich: Irgendwann ist das Motorrad in mein Leben gekommen. Ich weiß nicht warum. Ich bin auf einmal auf dem Motorrad gefahren. Und mein Vater hat einen Schauspieler namens Herwig Seeböck im Theater betreut und der ist immer mit dem Motorrad gekommen.
Ich war damals zehn Jahre alt und habe den Seeböck dann kennengelernt und der hat mich dann mitgenommen zum Motocross zuschauen. Und irgendwann hat er mich gefragt, ob ich fahren will selber. Und dann habe ich mit zwölf Jahren angefangen, das Motorrad zu fahren. Motocross, also Sport, Motorrad als Sport. Das hat sehr viel in meinem Leben geändert, nämlich die Angst war weg.
Ich bin aufgewachsen in einer Angstblase daheim. Das war so, Anscheißen vor allen. Das war damals so. Und das war beim Herwig gar nicht. Und Motorradfahren ist einfach etwas ein bisschen Gefährliches. Und das war so mein Initiationsritual, dass ich mich überhaupt auf so etwas hinaufsetze und bei einem Rennen am Start stehe und das mache. Und dieser Herwig Seeböck hat dann angefangen, Schauspielunterricht zu geben.
Und ich habe das dann nach der Matura im Maschinenbau eigentlich gelernt, habe ich mir das dann einmal angeschaut aus Interesse und bin da unten gesessen unter den Schauspielschülern, da waren 20, 25 Leute, auch der Fred Dorfer war damals dabei, den ich damals noch nicht gekannt habe. Dann habe ich zugeschaut, was die machen und dann habe ich mir gedacht: „Jetzt gehe ich auch einmal hinauf." Und ich bin hinaufgegangen und immer wenn ich etwas gemacht habe, haben die gelacht. Das habe ich gleich noch mehr gemacht. Haben sie noch mehr gelacht.
Ich denke mir: „Wenn das so leicht ist, warum soll ich irgendetwas in meinem Leben arbeiten, wenn es leichter auch geht?" Da habe ich gewusst, ich kann das. Ich habe aber zugleich bemerkt, weil ich war immer schon ein relativ guter Beobachter. Also ich habe immer Leute beobachtet und so: „Aha, wie tun die jetzt? Aha, okay." Und dann habe ich gemerkt, dass von den 25, die da waren, habe ich damals schon sagen können: „Der wird einmal von der Bellendenz frischen, beziehungsweise sie wird einmal von der Bellendenz frischen. Sie ja, sie ja, sie ja."
Weil sie es eigentlich gar nicht wollen. Also sprich, weil sie sich selber einen Druck machen bei dem. Weil sie gut sein wollen. Weil sie nachdenken: „Was denken sie jetzt, die anderen über mich?" In dem Beruf würde man sagen, normal. Und ich habe das nie gehabt. Ich habe die schwierigsten Übungen in der Schauspielschule immer als Erstes gemacht. Also dieses nervös zu sein, wenn man auf die Bühne geht, gibt es nicht. Das kenne ich nicht.
Es ist s********l, ob ich in der Stadthalle gestanden bin damals vor 10.000 Leuten oder so. Ich kenne diesen Zustand nicht. Ich kenne den Zustand schon, aber nicht vom Theaterspielen, sondern von Sportveranstaltungen. Weil ich bin Motorradrennen gefahren, ich bin Mountainbike-Rennen gefahren, ich habe Sportfechten gemacht, ich habe viel gemacht und da war ich immer urnervös. Also ich weiß, wie das ist, wenn du Bauchweh hast und denkst: „Puh, ist eh alles beim Motorrad, passt noch alles?" Ich weiß, wie das ist.
Aber da geht es um etwas. Weil wenn ein Startgitter umfällt und 40 fahren weg und du bist Vorletzter nach dem Start, das sieht man. Da hast du einen Stress. Nur bei dem, was ich mache, die da unten, die wissen ja nicht, wie es gehört. Die haben keine Ahnung, ob etwas beabsichtigt ist oder ein Fehler. Es kann mir nichts passieren.
Und dieses Lampenfieber und sich einen Stress machen, gut sein zu müssen, habe ich nicht. Und mir hat der Herwig damals, mein Schauspiellehrer, immer gesagt: „Das Ziel muss sein, dass du der Hund auf der Bühne bist." Sprich, stell dir vor, Sommertheaterproduktion, die spielen sich dann herunter und auf einmal rennt aus dem Publikum ein kleiner Hund auf die Bühne, der losgerissen ist und steht auf der Bühne. Was glaubst du, wen schauen die Leute an?
Den Hund. Aber nicht, weil der besonders lustig ist oder originell, sondern der ist. Du weißt nicht, was er als Nächstes macht. Er ist nicht kalkulierbar und deswegen ist er interessant. Bei den anderen weiß ich eh schon, was kommt. Und wenn du das schaffst, dass du wie der Hund bist, dann hast du es schon gekonnt. Und auf das habe ich eigentlich immer hingearbeitet.
Aber es ist wirklich total unfair, weil ich tue mir so leicht dabei. Ich könnte jetzt sagen: „Meine harte Zeit. Ich weiß, ich habe das gemacht und dort habe ich und dann habe ich." Das stimmt alles nicht. Ich habe das nicht. Aber ich weiß genau, wo meine Grenzen sind. Also ich kann in dem Segment, wo ich tätig bin und wo es darum geht, ganz normale, einfache Menschen zu spielen, allein von der Sprache her und so, da bin ich daheim.
Also wenn ich jetzt irgendwo im Burgtheater stehe und dann irgendeinen Regisseur habe und dann muss ich Hochdeutsch reden oder was, jetzt mal im Ernst, macht mir das keinen Spaß und das kann ich wahrscheinlich auch nicht. Da gibt es Leute, die können das viel, viel besser als ich. Aber das, was da passiert, was auch der Bedarf ist, was ja Leute, die zuschauen, ich spiele nicht für Hochkultur, sondern ich spiele für die ganz normalen Leute, die den Fernseher aufmachen und einfach ein bisschen lachen wollen.
Und für die funktioniere ich einfach sehr, sehr gut. Und warum sollte ich etwas anderes machen? Ich habe mir oft überlegt: „Es wäre doch super, wenn ich einmal dort, wo ich spielen könnte und das." Ich habe dann ein Stück Shakespeare im Landestheater in Sankt Pölten und was weiß ich, auch probiert und doch da, so international bei einem Film oder was. In Wirklichkeit, wozu?
Wozu? Damit ich sagen kann, ich war dort auch dabei. Das macht mein Leben nicht besser. Und umso weniger Aufwand das ist und umso wohler ich mich da fühle, umso besser geht es an dem wirklichen Roland Düringer, weil er keinen Stress hat in seinem Leben.