Alle Rollen, die ich gespielt habe, die schwieriger waren, so wie zum Beispiel Diana in Next to Normal, da habe ich eine bipolare Frau gespielt. In dem Moment, als ich diese Rolle bekommen habe, war ich begeistert, weil ich das Thema spannend fand. Ich fand die Musik unglaublich spannend. Es war wie eine Familienaufstellung und dann gehst du da rein und wirst natürlich auch mit der Krankheit konfrontiert. Du gehst in geschlossene Gesellschaft, geschlossene Abteilungen von Krankenhäusern.
Und da haben wir natürlich viel mit Leuten geredet und dann machst du ein ganzes Studium daraus. Dann spielst du die Rolle und um es glaubwürdig zu spielen, musst du natürlich da reingehen, auch mit deinem Körper. Und das Witzige oder Schwierige eigentlich, weil so witzig ist es ja nicht, ist, dass dein Körper und deine Gedanken es als Wahrheit annehmen. Alles, was ich denke auf der Bühne, was ich denken muss, weil sonst kann ich die Rolle nicht glaubwürdig spielen, denkt mein Körper: „Na dann.“ Also eigentlich bin ich zweieinhalb Stunden am Abend dann bipolar.
Glücklicherweise war es in dieser Vorstellung so, dass sie am Schluss da herauskommt und das war für mich so eine Erleichterung, weil ich dann auch selber besser herausgehen konnte. Wenn ich eine Rolle gespielt habe, so wie bei Elisabeth, wo bis zum Schluss eigentlich diese Enttäuschung und Drama war, dann musste ich richtig unter die Dusche gehen, mit Wasser wirklich die Rolle von meinem Leib abspülen und auch Übungen machen von alles Gute her zu mir, alles Schlechte weg von mir, habe ich die ganze Zeit gemacht. Ich meine, die Leute haben das nie gesehen von mir, aber das habe ich dann die ganze Zeit gemacht. Ich habe aber nicht gewusst, dass es trotzdem in meiner Zelle eigentlich gespeichert wird und dass ich nur über das Gegenprogramm, um die Gedanken auf eine andere Schiene zu geben, mein System, eigentlich meinen eigenen Computer, meinen Zellencomputer, wieder in eine andere Richtung bringen kann.
Ich habe schon das Gefühl gehabt, ich brauche immer einen Ausgleich. Ich habe das sehr viel gemacht über die Natur und über meine Hobbys, über Tennis spielen oder Reisen auch, oder tolle Gespräche mit Menschen. Das fand ich auch immer unglaublich interessant. Ich habe schon immer den Ausgleich versucht zu machen, aber ich habe damals noch nicht gewusst, dass es eigentlich trotzdem in der Zelle so gespeichert wird.
Und deswegen bin ich jetzt auch total damit beschäftigt, diese Rollen einfach alle loszulassen, einen Platz zu geben und zu danken, dass ich das miterlebt haben durfte, weil es ist natürlich auch wahnsinnig interessant. Das Leben ist in der Polarität, das Leben ist Nacht und Tag und Gesundheit und Krankheit. Und wenn wir alles unterdrücken, was nicht gut ist, wird es nur noch schlimmer. Also ich bin schon sehr dankbar dafür, dass ich diese Seite natürlich über meine Rolle kennengelernt habe.
Aber es ist schon so, dass du als Schauspielerin wirklich aufpassen musst, dass du da nicht reinkippst. Und das ist schon mit Kollegen passiert, das wissen wir auch. Aber das passiert auch mit Menschen im normalen Leben. Wenn sie sich nicht aus diesem negativen Gedankenkreis herausbringen können, werden sie einfach krank. Und deswegen glaube ich, um mal wieder zum Anfang zu kommen, dass dieses mentale Training: Was denke ich?
Ist es eigentlich wahr, was ich denke? Hat das wirklich einen Sinn, was ich hier denke? Oder macht es mich krank? Ist es eine Angstvorstellung, die ich mir mache oder ist es wirklich wahrhaftige Angst? Bin ich existenziell bedroht? Und dass man sich immer wieder infrage stellt: Sind die Gedanken richtig und tut es mir gut? Oder soll ich mich kurz mal in einen Atem für fünf Minuten begeben, meine Gedanken loslassen?
Was ich auch total fein finde, ist am Meer zu spazieren, weil dann hast du diese Luft und dieser Wind, die die Gedanken total verlangsamen und das ist so heilsam. Und dann wieder neu denken: Was denke ich eigentlich? Oder wie fühle ich mich eigentlich und warum? Das mache ich wirklich täglich, weil ich habe das Gefühl, sonst bleibe ich nicht gesund und ich will 96 werden.
Und ich möchte einer der wenigen Menschen sein, die mit 96 nicht krank im Bett liegt, aber die einfach dann irgendwann am Ende meines Lebens seine Augen schließt und sagt: „Ich danke und ich gehe jetzt mal wieder zur geistigen Welt.“ Das hoffe ich. Aber ja, da muss man mental gut und schön und stark sein.