Die Leseangst hat sich sehr plötzlich entwickelt. Ich weiß gar nicht, warum. Ich war vorher bis 18 Ministrant. Dann habe ich immer wieder Lesungen gelesen und mir nichts dabei gedacht. Dann habe ich eine Ausbildung gemacht zum Pastoralassistent und auf einmal habe ich einen Druck gespürt, ich muss perfekt sein, ich muss das gut machen und habe auf einmal immer wieder, wenn ich zum Beispiel bei einer Messe ein Fürbitten hätte lesen sollen oder eine Lesung, irrsinnig Herzklopfen bekommen. Ich habe Schweißhände bekommen, alle Zustände, Atemnot und habe echt kein Wort herausgebracht und habe dann zwei Jahre lang, kann man sagen, eine Strategie entwickelt, dass ich nichts lesen musste, wenn ich krank bin, zur Messe komme oder ein bisschen spät sogar, wenn sie schon alles eingeteilt haben. Und dann im dritten Ausbildungsjahr, im Praktikumsjahr in Frankenburg, hätte ich mich dann vorstellen sollen und bin dann nicht zur Messe gegangen, weil ich krank war, offiziell Krankenstand. Dann habe ich es dem Pfarrer erzählt und ich habe gesagt: „Ich muss aufhören, weil ich kann nichts lesen, ich kann nichts vorlesen."
Und dann hat er gesagt: „Nein, das bekommen wir schon irgendwie hin." Und dann habe ich mit einem Arzt, mit einem Psychiater oder Psychologen, ich weiß gar nicht mehr, ich weiß nicht, ist das dasselbe? Mit einem Doktor, der hat mich dann ein bisschen begleitet und wir haben ein bisschen hinterfragt, warum, von wo das kommt. Und das ist wirklich so, es war ein bisschen dieser Perfektionismus und auch der Druck, dass alle auf mich schauen, dass ich einfach perfekt sein muss.
Interessant ist dann, dass wir gesagt haben, wir probieren jetzt, dass ich das wegbekomme, diese Angst vor Fehlern, dass ich nicht perfekt sein muss, beziehungsweise man macht praktisch immer so Schritt für Schritt. Fangen wir einmal an, dass ich nur mehr Fürbitten lese, dass ich einmal eine kürzere Lesung lese. Und dann habe ich Jonglieren angefangen damals und habe sogar im vierten Jahr, als ich dann wieder in die Ausbildung zurückgegangen bin, einen Auftritt gemacht mit Jonglierbällen und habe praktisch das Jonglieren ein bisschen vorgeschoben, dass sie nicht mich anschauen, sondern dass sie das Jonglieren anschauen, also im wahrsten Sinne des Wortes vorgeschoben.
Das Interessante war dann, es ist sehr gut angekommen und das Lustige war, wenn mir ein Ball heruntergefallen ist, also wenn ich einen Fehler gemacht habe, haben sie meistens gelacht. Das heißt, dadurch waren die Fehler eigentlich die Bestätigung von dem oder waren eigentlich die Lacher. Das ist heute noch im Kabarett. Wenn da etwas passiert im Kabarett, du improvisierst etwas oder es ist anders, das ist eigentlich das, was bei den Leuten am besten ankommt.
Aber der Grundstein war eigentlich für meine Arbeit, die ich jetzt mache, diese Leseangst, diese Krise eigentlich. Es war wirklich eine Krise. Also jeder sagt, die Krise als Chance, das stimmt bei mir einfach. Ich habe das wirklich dann als Chance genutzt und es hat sich dann immer mehr entwickelt. Ich habe dann auch Leute kennengelernt. In der Ausbildung zum Pastoralassistenten habe ich meinen ersten Kabarettpartner kennengelernt.
Dann bin ich zu Was gibt es Neues gekommen. Da habe ich zum Beispiel dann Niavarani kennengelernt, habe zum Theaterspielen angefangen und dann habe ich einmal gesagt zu meinem Freund oder auch zu dem Pfarrer, wo ich damals war: Wenn mir damals wer gesagt hätte, dass ich vor 1.000 Leuten Theater spiele, hätte ich gesagt: „Ja genau, du bist irgendwo, verarsch jemand anderen Das Wichtigste war bei der Leseangst, ich habe es zwei Jahre wirklich vertuscht oder immer verheimlicht oder bin es immer umgangen. Aber das Wichtigste, dass ich mir zugestanden habe, dass ich es jemandem gesagt habe und dass wir daran gearbeitet haben.
Das ist jetzt noch so, wenn ich ein Problem habe oder wenn ich einen Konflikt oder wenn ich etwas spüre, was mir nicht gefällt. Ich glaube, das Allerwichtigste ist wirklich auch, dass man es einmal ausspricht, dass man es zugibt oder dass man einmal sagt: „Okay, das steht jetzt an. Da spüre ich etwas, da ist etwas und da muss ich etwas machen." Weil wenn ich das nicht anspreche, habe ich es für mich und dann ist das vorbei.