balancio

Reaktive Depression

04:52

Auf den Punkt gebracht

„Reaktive Depression“ ist eine ältere Bezeichnung für eine Depression, die als Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis auftritt. Als eigene Diagnose führen die heutigen Klassifikationen sie nicht. Je nach Stärke und Dauer der Beschwerden sprechen Fachleute heute von einer depressiven Episode oder von einer Anpassungsstörung.

Was ist mit „reaktiver Depression“ gemeint?

Gemeint ist eine Niedergeschlagenheit, die nach einem einschneidenden Ereignis einsetzt, etwa nach einer Trennung, dem Verlust des Arbeitsplatzes, der Diagnose einer schweren Krankheit oder dem Tod eines nahestehenden Menschen. Früher unterschied die Psychiatrie solche „reaktiven“ Depressionen von „endogenen“. Diese alte Einteilung begegnet einem im klinischen Alltag noch. In die heutigen Diagnosesysteme passt sie aber nicht, weil diese eine Depression nach Zahl und Schwere der Beschwerden einordnen und nicht danach, ob die Ursache innen oder außen vermutet wird.

Auch die Trennung in äußere und innere Ursachen greift aus heutiger Sicht zu kurz. Belastende Erlebnisse wie Arbeitslosigkeit, Verluste oder Traumata machen eine Depression wahrscheinlicher. Meist erkranken aber Menschen, die ohnehin anfälliger sind, etwa weil Depressionen in der Familie vorkommen. Aus heutiger Sicht greifen Umwelteinflüsse wie Stress und erbliche Anlagen ineinander.

Wie wird eine reaktive Depression heute eingeordnet?

In Österreich werden Diagnosen nach der Klassifikation ICD-10 verschlüsselt. Dort ist die „reaktive Depression“ ausdrücklich unter der depressiven Episode eingeschlossen, bei wiederholtem Auftreten unter der rezidivierenden depressiven Störung. Entscheidend ist also nicht der Auslöser, sondern ob die Beschwerden für eine Depression ausreichen. Die neuere ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO), seit 2022 in Kraft, sieht das ebenso: Erfüllt eine Reaktion auf Belastungen die Kriterien einer depressiven Episode, wird eine Depression diagnostiziert, auch wenn es einen klaren Auslöser gibt.

Sind die Beschwerden schwächer, sprechen Fachleute von einer Anpassungsstörung. Sie entsteht in der Zeit der Anpassung an eine einschneidende Lebensveränderung, die Beschwerden beginnen meist kurz nach dem belastenden Ereignis. Sie zeigt sich etwa durch gedrückte Stimmung, Angst oder Sorgen und das Gefühl, mit dem Alltag nicht zurechtzukommen. Die ICD-10 unterscheidet dabei eine kurze depressive Reaktion von höchstens einem Monat und eine längere von höchstens zwei Jahren. Laut ICD-11 kreisen die Gedanken bei einer Anpassungsstörung stark um die Belastung, und die Beschwerden klingen meist innerhalb von sechs Monaten ab, sofern die Belastung nicht länger andauert.

Gewöhnliche Trauer nach einem Todesfall gilt nicht als psychische Störung. Geht eine Trauerreaktion deutlich über das zu erwartende Maß hinaus, kann dagegen eine Anpassungsstörung oder eine anhaltende Trauerstörung vorliegen.

Was hilft?

Liegt eine depressive Episode vor, wird sie wie jede Depression behandelt, je nach Schweregrad mit Psychotherapie, Medikamenten oder beidem. Für die Behandlung einer Anpassungsstörung gibt es laut MSD Manual nur begrenzte Nachweise. Eingesetzt werden verschiedene Formen der Psychotherapie, Medikamente vor allem gegen einzelne Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Angst oder depressive Verstimmung.

Meist erholen sich Betroffene mit der Zeit und mit Unterstützung von Familie und Freund:innen. Die Beschwerden lassen häufig nach, wenn die Belastung endet, ausreichend Unterstützung da ist oder neue Wege der Bewältigung gefunden werden. Hilfreich sind ein möglichst normaler Tagesablauf, ausreichend Schlaf und Bewegung sowie Kontakte zu Familie und Freundeskreis. Beruhigungsmittel und Alkohol sollten, wenn überhaupt, nur sparsam verwendet werden.

Wer hilft in Österreich?

Anlaufstellen sind Ärzt:innen für Allgemeinmedizin, Fachärzt:innen für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Psychotherapeut:innen und Klinische Psycholog:innen. Bei einer Anpassungsstörung ist das Risiko für Suizidversuche erhöht. Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall ist die Rettung unter 144 erreichbar.

Wichtiger Hinweis

Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.

Quellen (11)