Was ist eine Dysthymie?
Menschen mit Dysthymie fühlen sich über Jahre bedrückt, müde und unzufrieden. Alles kostet Anstrengung, kaum etwas macht Freude. Sie grübeln, schlafen schlecht und fühlen sich unzulänglich, bewältigen die wesentlichen Anforderungen des Alltags aber meist noch. Die Beschwerden schwanken von Tag zu Tag und von Woche zu Woche.
In der in Österreich verwendeten Diagnoseklassifikation ICD-10 gehört die Dysthymie zu den anhaltenden affektiven Störungen. Die neuere WHO-Klassifikation ICD-11 zählt sie zu den depressiven Störungen.
Der Ausdruck „persistierende depressive Störung“ wird nicht einheitlich verwendet. Die ICD-11 führt ihn als Suchbegriff für die Dysthymie. Andere Quellen meinen damit jede Depression, deren Beschwerden länger als zwei Jahre bestehen, auch wenn sie so stark sind wie in einer depressiven Episode.
Woher kommt der Begriff?
In der Psychiatrie verwendete C. F. Flemming das Wort „Dysthymie“ erstmals 1844. Karl Ludwig Kahlbaum entwickelte das Konzept 1882 weiter. Danach geriet der Begriff weitgehend in Vergessenheit. Erst mit dem US-amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-III rückten solche leichteren, lang anhaltenden Stimmungsstörungen wieder in den Blick.
Woran erkennt man eine Dysthymie?
Kennzeichen ist eine gedrückte Stimmung, die mindestens zwei Jahre lang an mehr Tagen als nicht und den Großteil des Tages besteht. Bei Kindern und Jugendlichen kann sie sich als anhaltende Reizbarkeit zeigen. Hinzu kommen weitere Beschwerden einer Depression, die milder ausfallen können.
Dazu zählen weniger Interesse und Freude, Konzentrationsprobleme, Unentschlossenheit, ein geringes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit. Auch Schlaf und Appetit können gestört sein, ebenso kommen Energielosigkeit und Müdigkeit vor. Längere beschwerdefreie Zeiten von etwa zwei Monaten gibt es nicht. In den ersten zwei Jahren reicht keine Phase an eine depressive Episode heran, und Hochphasen wie bei einer Bipolaren Störung treten nicht auf.
Ärzt:innen klären ab, ob eine Schilddrüsenunterfunktion oder Medikamente die Beschwerden verursachen. Tritt während einer Dysthymie zusätzlich eine depressive Episode auf, sprechen Fachleute von einer „Double Depression“.
Wie verläuft eine Dysthymie?
Meist beginnt eine Dysthymie schleichend in der Kindheit, Jugend oder im frühen Erwachsenenalter. Beginnt sie erst im höheren Alter, dann häufig nach einer depressiven Episode, einem Trauerfall oder einer anderen Belastung. Menschen mit affektiven Erkrankungen in der Familie haben ein höheres Risiko.
Oft bestehen zusätzlich andere psychische Erkrankungen, etwa Angststörungen, Essstörungen, Suchterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen. Das Suizidrisiko ist laut ICD-11 deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung.
Was hilft bei einer Dysthymie?
Weil der Leidensdruck oft hoch ist, empfiehlt die deutsche Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression eine Behandlung wie bei anderen chronischen Depressionen. Infrage kommen Psychotherapie oder Antidepressiva. Die Studienlage ist für beide schwach, für Psychotherapie noch etwas dünner als für Medikamente. Deshalb bevorzugt die Leitlinie keine der beiden Möglichkeiten, in der Praxis geben oft die Wünsche der Betroffenen den Ausschlag.
Hilft eine einzelne Behandlung nicht, kommt eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten infrage, auch wenn ihr Nutzen bei Dysthymie nicht überzeugend belegt ist. Bei einer Double Depression hält die Leitlinie eine intensivere Kombinationsbehandlung für angemessen.
Antidepressiva wirken meist erst nach etwa zwei Wochen, die volle Wirkung zeigt sich nach drei bis vier Wochen. Über Nebenwirkungen und Wechselwirkungen klären Ärzt:innen auf. Die Dosis sollte nie selbstständig verändert werden, zum Ende der Behandlung wird sie über Wochen allmählich verringert.
Wer hilft in Österreich?
Anlaufstellen sind Ärzt:innen für Allgemeinmedizin, Fachärzt:innen für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Psychotherapeut:innen und Klinische Psycholog:innen. Notwendige und zweckmäßige Diagnose- und Therapiemaßnahmen übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung, bei manchen Leistungen fallen Selbstbehalte oder Kostenbeiträge an.
Bei Gedanken an Suizid hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall ist die Rettung unter 144 zu rufen.