Was ist Kleptomanie?
Menschen mit Kleptomanie stehlen Gegenstände, die sie nicht brauchen oder sich ohne Weiteres leisten könnten, manchmal besitzen sie dieselbe Sache schon mehrfach. Die Dinge werden danach häufig weggeworfen, verschenkt oder gehortet. Nach dem Stehlen fühlen sich viele schuldig oder schämen sich, doch das hält sie nicht davon ab, es wieder zu tun.
Manche erinnern sich nur lückenhaft an die Tat oder erleben sie wie losgelöst von sich selbst. Das Stehlen kann mit gedrückter Stimmung, Angst, Langeweile oder Einsamkeit zusammenhängen. Im Lauf der Zeit nehmen manche die Anspannung vorher weniger deutlich wahr.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Kleptomanie in ihrer Klassifikation ICD-11 zu den Störungen der Impulskontrolle. In der in Österreich verwendeten ICD-10 heißt sie „Pathologisches Stehlen [Kleptomanie]“.
Woher kommt der Begriff?
Das Wort verbindet das griechische „kléptein“ für stehlen mit „manía“ für Raserei oder Wahnsinn. Es entstand Mitte des 19. Jahrhunderts als gelehrte Wortbildung der Psychiatrie. Aus dem 19. Jahrhundert stammen auch die ersten Beschreibungen als psychische Störung.
Die Diagnose war von Beginn an mit Vorurteilen über Geschlecht und soziale Schicht verknüpft. Eine Übersichtsarbeit von 2020 nennt etwa die Vorstellung, Frauen seien von Natur aus zerbrechlich und Menschen aus der Mittelschicht würden kaum stehlen. Auch in Medizin und Gerichten ist sie umstritten.
Wie unterscheidet sich Kleptomanie von gewöhnlichem Diebstahl?
Bei Kleptomanie fehlt das übliche Motiv für einen Diebstahl. Die meisten Menschen, die stehlen, wollen oder brauchen etwas, das sie sich nicht leisten können, oder handeln aus Übermut, Wut oder Rache. Wer stiehlt, um Drogen oder Glücksspiel zu finanzieren, hat keine Kleptomanie. Auch Stehlen nur während einer Manie, im Rausch oder bei einer Demenz zählt nicht dazu.
Bei Menschen, die bestimmte Medikamente einnehmen, die sogenannten Dopamin-Agonisten, kann mit Beginn der Einnahme wiederholtes Stehlen auftreten. Diese Medikamente werden etwa bei Parkinson oder beim Restless-Legs-Syndrom eingesetzt.
Umgangssprachlich wird Kleptomanie manchmal als „zwanghaft“ bezeichnet. Laut WHO unterscheidet sie sich aber von einer Zwangsstörung, denn Zwangshandlungen werden fast nie als angenehm erlebt. Beim Stehlen aus Kleptomanie folgen dagegen Befriedigung, Aufregung oder Erleichterung.
Wie verläuft Kleptomanie?
Kleptomanie kann in jedem Alter beginnen, am häufigsten in der späten Jugend, und Frauen erhalten die Diagnose deutlich häufiger. Der Verlauf ist unterschiedlich. Manche stehlen nur in kurzen Phasen mit langen Pausen dazwischen, andere über längere Zeiträume, bei wieder anderen besteht die Störung dauerhaft mit wechselnder Stärke. Wer Hilfe sucht, hat oft schon mehr als zehn Jahre Ladendiebstähle hinter sich.
Häufiger als in der Allgemeinbevölkerung bestehen zusätzlich Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder eine Zwangsstörung. Weil es sich um Diebstähle handelt, riskieren Betroffene, entdeckt und strafrechtlich verfolgt zu werden.
Was hilft bei Kleptomanie?
Eine erprobte Standardbehandlung gibt es nicht, systematische Studien fehlen weitgehend. In einer kleinen Studie mit 25 Erwachsenen verringerte der Wirkstoff Naltrexon den Drang zu stehlen und das Stehlen selbst deutlicher als ein Scheinmedikament. Das Antidepressivum Escitalopram schützte in einer anderen kleinen Studie nicht besser vor Rückfällen als ein Scheinmedikament.
Die Forschenden dieser Studie vermuten, dass manchen Betroffenen eher Medikamente helfen, anderen eher Psychotherapie oder eine Kombination. Für die Behandlungsplanung kann es laut WHO wichtig sein, den Zusammenhang zwischen belastenden Gefühlen und dem Stehlen zu verstehen.
Eine erste Ansprechstelle kann die Hausärztin oder der Hausarzt sein. Weiter helfen Fachärzt:innen für Psychiatrie, Klinische Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen.