Was ist Long COVID?
Long COVID beschreibt gesundheitliche Langzeitfolgen, die nach einer COVID-19-Erkrankung fortbestehen oder neu hinzukommen. Treffen kann es jede und jeden, nach einem milden ebenso wie nach einem schweren Verlauf.
Das österreichische Gesundheitsportal unterscheidet nach der Dauer. Bestehen Beschwerden länger als vier Wochen nach Krankheitsbeginn, spricht man von anhaltenden Symptomen. Bleiben sie über zwölf Wochen bestehen und lassen sich nicht anders erklären, heißt das Post-COVID-Syndrom. Long COVID umfasst beide Formen.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht vom Post-COVID-19-Zustand und zieht die Grenzen etwas anders. Nach ihrer Definition beginnen die Beschwerden meist innerhalb von drei Monaten nach der Infektion und dauern mindestens zwei Monate. Zudem darf keine andere Diagnose sie erklären.
Woher kommt der Begriff?
Der Name stammt von Betroffenen selbst. Laut einer Fachveröffentlichung verwendete Elisa Perego aus der Lombardei das Schlagwort #LongCovid am 20. Mai 2020 erstmals in sozialen Medien.
Die WHO legte bis September 2020 eigene Codes in ihren Krankheitsklassifikationen fest, U09 in der ICD-10 und RA02 in der ICD-11. Im Oktober 2021 folgte eine klinische Falldefinition, an der auch Patient:innen mitarbeiteten.
Woran erkennt man Long COVID?
Die Beschwerden sind sehr vielfältig, laut WHO wurden über 200 verschiedene Symptome berichtet. Am häufigsten ist Fatigue, eine starke körperliche oder geistige Erschöpfung auch ohne vorherige Anstrengung, die sich durch Schlaf nicht ausreichend bessert. Häufig sind außerdem Kurzatmigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme („brain fog“), Schlafstörungen, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie anhaltende Geruchs- und Geschmacksstörungen.
Manche Betroffene bekommen beim Aufstehen Herzrasen, das bei bestimmten Messwerten als posturales Tachykardie-Syndrom (POTS) gilt. Auch depressive Verstimmungen und Ängste kommen vor. Die Beschwerden können ständig bestehen oder nach beschwerdefreien Zeiten wellenartig wiederkehren.
Ein besonderes Merkmal ist die belastungsinduzierte Symptomverschlechterung, die Post-Exertionelle Malaise (PEM). Dabei verschlechtern sich Beschwerden schon nach geringer körperlicher, geistiger oder emotionaler Anstrengung, oft erst Stunden später oder am Tag danach. Dieser Zustand kann Tage oder Wochen anhalten.
Einen Test, der Long COVID eindeutig nachweist, gibt es bisher nicht. Ärzt:innen können die Diagnose stellen, wenn Beschwerden länger als vier Wochen bestehen und nach sorgfältiger Abklärung keine andere Ursache gefunden wurde. Denn die Symptome können auch andere Gründe haben, selbst wenn sie kurz nach einer Infektion beginnen.
Wie entsteht Long COVID?
Wie Long COVID entsteht, ist noch nicht genau geklärt. Vermutlich wirken mehrere Vorgänge zusammen, die nicht bei allen Betroffenen gleich sind. Diskutiert werden etwa im Körper verbliebene Virusreste, anhaltende Entzündungen, Autoimmunreaktionen, eine veränderte Darmflora, winzige Blutgerinnsel und eine Aktivierung des Epstein-Barr-Virus.
Als mögliche Risikofaktoren gelten unter anderem höheres Alter, weibliches Geschlecht, Rauchen, Vorerkrankungen, ein schwerer Verlauf der akuten Erkrankung und wiederholte Infektionen. Beschwerden durch einen nachweisbaren Organschaden, etwa an Lunge oder Herz, werden von Long COVID abgegrenzt und eigens behandelt.
Was haben Long COVID und ME/CFS miteinander zu tun?
Long COVID zählt zu den postakuten Infektionssyndromen, kurz PAIS. Solche Krankheitsbilder treten nach Infektionen mit verschiedenen Erregern auf, etwa auch nach Influenza. Zur selben Gruppe gehört die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS).
Die PEM ist das Kernmerkmal von ME/CFS und muss für diese Diagnose immer vorliegen. Nach einer Corona-Infektion können Beschwerden entstehen, die einer ME/CFS ähneln oder ihr gleichen, und bei manchen Betroffenen wird ME/CFS festgestellt. Diese Diagnose setzt bei Erwachsenen mindestens sechs Monate Krankheitsdauer voraus, bei Kindern und Jugendlichen drei Monate. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen beiden Krankheitsbildern gibt, ist zum Teil noch offen.
Was hilft bei Long COVID?
Die Behandlung richtet sich nach den jeweiligen Beschwerden und wird individuell geplant. Medikamente mit nachgewiesener Wirkung gegen Long COVID gibt es derzeit nicht. Die meisten Beschwerden werden ohne Medikamente behandelt, etwa mit Atemtechniken bei Atembeschwerden, strukturiertem Riechtraining bei Riechstörungen oder Ergotherapie bei Konzentrationsproblemen.
Bei einer PEM steht das Pacing im Mittelpunkt. Bei diesem Energiemanagement lernen Betroffene, ihre Kräfte einzuteilen und ihre Grenzen nicht zu überschreiten. Aktivitätsprotokolle oder Herzfrequenzmessungen können zeigen, wann diese Grenzen überschritten werden. Laut Leitlinie soll Pacing einer längerfristigen Verschlechterung vorbeugen. Ziel ist nicht, die Leistungsgrenzen mit der Zeit zu steigern. Wird nach einer Corona-Infektion ME/CFS festgestellt, gibt es für aktivierende Bewegungstherapie laut Gesundheitsportal keinen Wirkungsnachweis.
Eine Aktivierungstherapie, bei der die Belastung schrittweise gesteigert wird, kommt nur infrage, wenn eine PEM vorher ausgeschlossen wurde. Bei Menschen mit PEM kann sie die Beschwerden verschlimmern und ist deshalb nicht geeignet. Auch ohne PEM sollte sie unter ärztlicher und physio- oder ergotherapeutischer Betreuung stattfinden. Die WHO empfiehlt zudem, vor jedem körperlichen Training einen Sauerstoffabfall unter Belastung und eine Herzschädigung auszuschließen.
Oft gehört Unterstützung im Umgang mit der Erkrankung dazu, bei Bedarf auch Psychotherapie oder klinisch-psychologische Behandlung. Je nach Schweregrad kann eine ambulante oder stationäre Rehabilitation die Rückkehr in Alltag und Beruf unterstützen.
Am besten schützt, eine Infektion zu vermeiden. Es gibt Hinweise, dass ein vollständiger Impfschutz Häufigkeit und Ausprägung von Long COVID verringert.
Wie verläuft Long COVID?
Ohne begleitenden Organschaden ist die Prognose in den meisten Fällen gut. Laut WHO bessern sich die Beschwerden meist innerhalb von vier bis neun Monaten. Nach weltweiten Schätzungen von 2022 hatten aber etwa 15 von 100 Betroffenen nach zwölf Monaten noch Symptome.
Nach einem schweren Verlauf mit Krankenhausbehandlung scheint Long COVID häufiger aufzutreten und länger zu dauern.
Wer hilft in Österreich?
Erste Anlaufstelle sind Hausärzt:innen, bei Kindern und Jugendlichen Kinderärzt:innen. Dort werden die Beschwerden abgeklärt und die erste Behandlung geplant. Bei Bedarf folgt eine Überweisung an Fachärzt:innen, Therapeut:innen, Spezialambulanzen oder Gesundheitszentren der ÖGK. Spezialisierte Anlaufstellen für PAIS entstehen derzeit in den Bundesländern, eine aktuelle Liste führt das Gesundheitsportal.
Das Nationale Referenzzentrum für postvirale Syndrome an der Medizinischen Universität Wien bündelt Wissen und informiert Fachleute und Betroffene, behandelt aber selbst nicht. Notwendige und zweckmäßige Untersuchungen und Behandlungen übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung, teils mit Selbstbehalt. Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen bietet die Kompetenz- und Servicestelle für Selbsthilfe (ÖKUSS).
Krankheiten feststellen und behandeln dürfen in Österreich vor allem Ärzt:innen, bei psychischen Leidenszuständen auch Psychotherapeut:innen und Klinische Psycholog:innen. Bei PEM sollten therapeutische Maßnahmen das Pacing mitberücksichtigen, damit sie nicht schaden. Bei einer seelischen Krise hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142, Jugendlichen auch Rat auf Draht unter 147. Im Notfall ist die Rettung unter 144 erreichbar.