Was ist eine intellektuelle Beeinträchtigung?
Eine intellektuelle Beeinträchtigung liegt vor, wenn sowohl das Denkvermögen als auch die Alltagsfertigkeiten deutlich unter dem Durchschnitt liegen und dies in der Entwicklungszeit beginnt. Zu den Alltagsfertigkeiten zählen begriffliche Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen und Entscheiden sowie soziale Fähigkeiten wie der Umgang mit anderen. Hinzu kommen praktische Fähigkeiten wie Selbstversorgung, Umgang mit Geld oder Mobilität.
Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt sie unter dem Code 6A00 als „Disorders of intellectual development“, auf Deutsch etwa „intellektuelle Entwicklungsstörungen“ oder „Störungen der Intelligenzentwicklung“. Die Mehrzahl soll zeigen, dass sehr unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen dahinterstehen. Unterschieden werden leichte, mittelgradige, schwere und schwerste Formen. Bei Kindern unter vier Jahren kann die Diagnose vorläufig gestellt werden.
Welche Begriffe sind üblich?
In Österreich hat sich laut einem Bericht des Sozialministeriums seit 2004 der Begriff „Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung“ durchgesetzt. Er hat die Bezeichnung „geistige Behinderung“ in Fachwelt, Verwaltung und Medien ersetzt. Die ICD-11 löst den älteren Begriff „Intelligenzminderung“ ab. Betroffene selbst bevorzugen laut dem Bericht die Bezeichnung „Menschen mit Lernschwierigkeiten“.
Woran zeigt sich eine intellektuelle Beeinträchtigung?
Manche Formen sind schon bei der Geburt erkennbar, etwa beim Down-Syndrom. Häufig fallen zuerst eine verzögerte Sprachentwicklung oder spätes Gehen auf. Leichte Formen werden oft erst im Schulalter deutlich, manchmal sogar erst im Jugend- oder Erwachsenenalter. Etwa 85 von 100 Betroffenen haben eine leichte Form.
Für Österreich schätzt der Bericht des Sozialministeriums, dass rund ein Prozent der Bevölkerung eine intellektuelle Beeinträchtigung hat. Burschen und Männer sind etwas häufiger betroffen.
Wie entsteht eine intellektuelle Beeinträchtigung?
Ursache sind Veränderungen in der Entwicklung des Gehirns, an denen biologische und soziale Einflüsse beteiligt sein können. Dazu zählen Erbanlagen und Chromosomenveränderungen wie beim Down-Syndrom, Infektionen oder Alkohol in der Schwangerschaft, Sauerstoffmangel bei der Geburt sowie Hirnentzündungen oder Verletzungen in der Kindheit. Auch schwere Vernachlässigung und Armut können beitragen. Bei einem großen Teil der Betroffenen lässt sich keine eindeutige Ursache finden.
Wie wird eine intellektuelle Beeinträchtigung festgestellt?
Die Diagnose beruht auf standardisierten Tests der Denkfähigkeiten und der Alltagsfertigkeiten, ergänzt durch Gespräche und Beobachtung. Ein Intelligenzquotient (IQ) allein reicht laut ICD-11 nicht aus. Testergebnisse können im Kindesalter schwanken, daher sind wiederholte Untersuchungen nötig. Sprache, Kultur sowie Seh-, Hör- oder Bewegungseinschränkungen müssen bei der Auswertung berücksichtigt werden. Je nach Fragestellung helfen genetische Tests oder Bildgebung, die Ursache zu klären.
Abzugrenzen sind Lernstörungen, die nur einzelne Fertigkeiten betreffen, und Demenz, die erst nach der Entwicklungszeit beginnt.
Welche Unterstützung gibt es?
Am besten begleitet ein Team aus mehreren Fachrichtungen, das gemeinsam mit der Familie ein individuelles Förderprogramm erstellt. Dazu können etwa Physiotherapie für die Bewegung, Ergotherapie für Feinmotorik und Alltagstätigkeiten, Logopädie für Sprache und Essen sowie Psychologie und Sonderpädagogik gehören. Frühes Erkennen ist für eine wirksame Frühförderung entscheidend.
Wie viel Unterstützung jemand braucht, lässt sich nicht allein aus dem Schweregrad ableiten und ändert sich im Lauf des Lebens. Ziel ist laut dem Bericht des Sozialministeriums, im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention Teilhabe und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Viele Menschen mit leichter Beeinträchtigung können mit passender Unterstützung selbstständig wohnen und arbeiten.
Wo liegen die Grenzen?
Die Beeinträchtigung bleibt ein Leben lang bestehen. Zusätzliche psychische Erkrankungen wie Angst oder Depression kommen häufiger vor und werden laut MSD Manual wie bei anderen Menschen behandelt, bei Bedarf auch mit Medikamenten. Laut ICD-11 haben Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung häufiger weitere Gesundheitsprobleme wie Epilepsie und finden im Alter schwerer Zugang zu passender medizinischer Versorgung.