Was ist Sensorische Integrationstherapie?
Die Sensorische Integrationstherapie soll Kindern helfen, die Eindrücke ihrer Sinne besser zu verarbeiten und daraus passende Handlungen zu entwickeln. Manche Kinder reagieren auf Reize auffallend stark oder kaum, andere haben Mühe mit der Koordination ihrer Bewegungen. Jean Ayres verstand das Ordnen und Vernetzen von Sinneseindrücken als neurologischen Vorgang und nannte ihn „Sensorische Integration“.
Nach ihrer Theorie ist vor allem das Zusammenspiel von Tastsinn, Gleichgewichtssinn und Körperwahrnehmung für Lernen und Verhalten entscheidend. Die Behandlung soll diese Verarbeitung durch gezielte Reize im Rahmen sinnvoller Tätigkeiten verbessern. Heute stehen laut der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin Fähigkeiten im Mittelpunkt, die für den Alltag wichtig sind. Ziel ist, dass sich Kinder möglichst selbstständig in Familie und Umfeld zurechtfinden.
Woher kommt die Methode?
Jean Ayres entwickelte die Sensorische Integrationstherapie, um Kindern mit Lernstörungen zu helfen. Sie studierte ab 1945 Ergotherapie an der University of Southern California in Los Angeles und promovierte 1961 in pädagogischer Psychologie. 1972 stellte sie ihre Theorie in einem Buch vor, das 1979 erstmals auf Deutsch erschien. Bis zu ihrem Tod 1988 arbeitete sie an einem umfangreichen Testverfahren.
Manche ihrer Grundannahmen gelten heute als überholt, etwa dass die Entwicklung streng in Stufen verläuft und zuerst die „basalen“ Sinne integriert sein müssen. Die Therapie nach ihren Grundsätzen heißt oft „Ayres Sensory Integration“ (ASI). Inzwischen gibt es Kriterien, die prüfen, ob sie wie vorgesehen umgesetzt wird.
Wie läuft die Therapie ab?
Gearbeitet wird mit Geräten und Materialien, die Bewegung, Gleichgewicht, Berührung und Körperwahrnehmung ansprechen. Genannt werden etwa Schaukeln, Rollbretter, Bälle, Bürsten und Materialien mit unterschiedlicher Oberfläche. Dazu kommen Techniken mit Druck und Zug oder unterschiedlicher Beschleunigung. Wie oft und wie intensiv geübt wird, wird einzeln entschieden. Zum Behandlungsprozess gehört auch, Eltern oder andere Bezugspersonen aufzuklären und anzuleiten.
Im deutschsprachigen Raum setzen vor allem Ergotherapeut:innen, aber auch Physiotherapeut:innen und Logopäd:innen das Konzept bei Kindern mit Entwicklungs- und Lernstörungen ein. In Österreich gehört die sensorische Integration zu den Weiterbildungen, mit denen sich Ergotherapeut:innen spezialisieren können. Für eine Kostenübernahme der Ergotherapie durch die Sozialversicherung ist in der Regel eine ärztliche Verordnung nötig, je nach Krankenversicherungsträger auch eine Bewilligung. Ohne Verordnung handelt es sich um eine Privatleistung.
Was sagt die Forschung?
Die Studienlage ist uneinheitlich. Die deutsch-österreichisch-schweizerische Leitlinie zu motorischen Entwicklungsstörungen (UEMF) aus dem Jahr 2020 sieht die Belege für die Wirksamkeit bei diesen Kindern als nicht eindeutig an. Sie empfiehlt, die Methode möglichst wissenschaftlich kontrolliert einzusetzen. Auch die American Academy of Pediatrics beschreibt die Forschung als begrenzt und nicht schlüssig.
Bei autistischen Kindern kommen Übersichtsarbeiten zu unterschiedlichen Ergebnissen. Eine Auswertung von neun randomisierten Studien aus 2025 fand Hinweise, dass ASI autistischen Kindern hilft, persönliche Alltagsziele zu erreichen. Bei Verhaltensweisen wie Reizbarkeit zeigte sich kein Nutzen. Eine Übersichtsarbeit aus 2026 sah dagegen nur begrenzte Belege, weil die methodisch besten Studien gemischte Ergebnisse zeigten.
Wo liegen die Grenzen?
Für eine eigenständige „sensorische Verarbeitungsstörung“ gibt es kein allgemein anerkanntes Diagnoseschema. Die American Academy of Pediatrics rät deshalb, diese Diagnose in der Regel nicht zu stellen und Kinder gründlich abzuklären. Probleme mit Sinnesreizen kommen nämlich auch bei Autismus, ADHS, motorischen Entwicklungsstörungen oder Angststörungen im Kindesalter vor.
Die Fachgesellschaft schlägt vor, mit Familien über eine Probezeit zu sprechen und gemeinsam zu prüfen, ob die Therapie hilft. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin hält es für sinnvoll, alltagsnahe Ziele festzulegen und das Konzept zu wechseln, wenn sich kein Erfolg einstellt. Gängige Tests zur sensorischen Verarbeitung eignen sich ihr zufolge wegen unzureichender Gütekriterien nicht, um die Therapie zu begründen.