Was ist erlebnisorientierte Therapie?
Der Begriff ist die deutsche Entsprechung des englischen „experiential psychotherapy“. Gemeint ist eine Familie von Ansätzen, in denen es darum geht, wie jemand eine Situation gerade innerlich erlebt, und darum, für dieses Erleben passende Worte zu finden. In deutschsprachigen Fachtexten heißt sie auch „experienziell“, etwa in der Verbindung „personzentriert-experienziell“.
Ob diese Ansätze wirklich eine gemeinsame Familie bilden, ist umstritten. Der in Ottawa forschende Psychologe A. R. Mahrer nannte die „erlebnisorientierte Familie“ einen Mythos, weil die einzelnen Richtungen keine eindeutigen gemeinsamen Merkmale hätten.
Woher kommt die erlebnisorientierte Therapie?
Der Philosoph Eugene Gendlin beschäftigte sich ab 1950 an der Universität Chicago mit der Frage, wie Erleben und dessen Ausdruck in Worten zusammenhängen. Dabei stieß er auf die Forschungsgruppe von Carl Rogers, wurde selbst Mitarbeiter und arbeitete rund zehn Jahre mit Rogers in Chicago und Wisconsin zusammen. Diese Zusammenarbeit gilt als Basis des personzentriert-experienziellen Ansatzes. Gendlin entwickelte daraus später das Focusing und die focusing-orientierte Psychotherapie.
Welche Ansätze gehören dazu?
Zu den bekannten Richtungen zählen die focusing-orientierte Psychotherapie nach Gendlin, die Experiential Psychotherapy nach Mahrer und die prozess-erlebnisorientierte Psychotherapie. Letztere entwickelte Leslie Greenberg mit Kolleg:innen, heute heißt sie Emotionsfokussierte Therapie. Ihr Name sollte sie ausdrücklich von den Ansätzen Gendlins und Mahrers unterscheiden.
In Übersichtsarbeiten werden solche Verfahren mit der personzentrierten Therapie, der Gestalttherapie und dem Psychodrama als humanistisch-experienzielle Therapien zusammengefasst. In Österreich findet sich der Gedanke in mehreren anerkannten humanistischen Methoden wieder. Die Integrative Gestalttherapie und die Integrative Therapie nennen etwa die „Erlebnisaktivierung“ als einen ihrer Wege.
Wie wird erlebnisorientiert gearbeitet?
Im Zentrum steht die Aufmerksamkeit für das, was im Moment innerlich spürbar ist. Bei Gendlin ist das der „felt sense“, ein zunächst vages Gespür im Körper, aus dem in kleinen Schritten neue Worte und Bedeutungen entstehen. Therapeut:innen helfen, dieses Erleben wahrzunehmen, seine Stärke so zu regulieren, dass es sich in der Aufmerksamkeit halten lässt, und es weiter zu erkunden.
Die Ansätze arbeiten dabei unterschiedlich. Manche orientieren sich eng an den personzentrierten Grundhaltungen und begleiten vor allem einfühlsam. Andere schlagen gezielt Aufgaben vor, etwa einen inneren Abstand zu überwältigenden Gefühlen herzustellen. Mahrer beschrieb als Ziel einer Sitzung, dass ein Mensch sich qualitativ verändert und das schmerzliche Gefühl hinter sich lässt.
Wo liegen die Grenzen?
Weil sich die Ansätze stark unterscheiden, lässt sich über „die“ erlebnisorientierte Therapie wenig allgemein sagen. Eine Übersichtsarbeit über humanistisch-experienzielle Therapien, verfasst von Vertreter:innen dieser Ansätze, fand gute Ergebnisse, bei Depression und Angst aber gemischtere Befunde. Psychotherapie dürfen in Österreich nur Personen ausüben, die in die Berufsliste Psychotherapie eingetragen sind. Erlebnisorientierte Elemente finden sich dort innerhalb anerkannter Methoden.