Focusing ist eine Methode, bei der Menschen aufmerksam bei einem noch unklaren, körperlich spürbaren Gefühl zu einem Thema verweilen, bis es Worte oder Bilder findet. Entwickelt hat sie der aus Wien stammende Philosoph und Psychotherapeut Eugene Gendlin. Focusing lässt sich allein, zu zweit oder innerhalb einer Psychotherapie üben.
Was ist Focusing?
Im Mittelpunkt steht ein vages, noch ungeformtes Gespür im Körper, das Gendlin „felt sense“ nannte. Gemeint ist etwa das schwer greifbare Gefühl, das sich einstellt, wenn jemand an eine belastende Situation denkt. Beim Focusing wird dieses Gespür nicht sofort benannt oder bewertet, sondern freundlich und neugierig wahrgenommen. Findet sich ein passendes Wort oder Bild, kann sich im Körper etwas lösen, manchmal begleitet von einem Seufzer. Gendlin sprach dann von einem „felt shift“.
Der Name bedeutet nicht, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Er beschreibt, wie etwas zunächst Unscharfes allmählich klarer wird, ähnlich wie beim Scharfstellen einer Kamera. Das österreichische Sozialministerium beschreibt Focusing als Konzept der methodischen Achtsamkeit auf das innere Erleben.
Woher kommt Focusing?
Eugene Gendlin (1926–2017) emigrierte 1938 aus Wien. Er gilt als einer der wichtigsten Mitarbeiter des Psychologen Carl Rogers bei der Entwicklung der Gesprächspsychotherapie. In den 1950er-Jahren erforschte er mit Rogers, was Psychotherapie wirksam macht. Dabei fiel ihm auf, dass vor allem jene Klient:innen profitierten, die ein vages Gefühl im Körper spüren und mit Worten oder Bildern verbinden konnten.
Focusing entwickelte Gendlin, um diese Fähigkeit auch Menschen beizubringen, denen sie weniger leichtfällt. Sein Buch „Focusing“ erschien 1981 erstmals auf Deutsch, in einem Salzburger Verlag.
Wie läuft Focusing ab?
Gendlin fasste den Vorgang ursprünglich in sechs Schritten: innerlich Raum schaffen, den „felt sense“ finden, einen „Griff“ dafür suchen, also ein beschreibendes Wort oder Bild, prüfen, ob dieser Griff passt, nachfragen, was das Thema so schwer oder eng macht, und schließlich annehmen, was sich zeigt. Spätere Lehrende entwickelten eigene Abläufe. Gendlin selbst verstand Focusing eher als allgemein menschliche Fähigkeit denn als Technik.
In Focusing-Partnerschaften wechseln sich beide üblicherweise beim Fokussieren und Zuhören ab. Die fokussierende Person bestimmt dabei selbst über ihren Prozess. Eine spürbare Veränderung ist willkommen, aber nicht das Ziel. In der Psychotherapie entstand daraus die Focusing-orientierte Psychotherapie. Nach diesem Ansatz können Therapeut:innen unterschiedlicher Schulen fokussierend arbeiten, indem sie Klient:innen immer wieder zum körperlich gespürten Erleben einladen.
Was hat Focusing mit der Personzentrierten Psychotherapie zu tun?
Focusing wurzelt in der Arbeit von Carl Rogers, aus der die Personzentrierte Psychotherapie hervorging, in Österreich früher als Klientenzentrierte und Personenzentrierte Psychotherapie getrennt anerkannt. Das Sozialministerium zählt Focusing zu den Konzepten, die aus diesem Ansatz über die Psychotherapie hinaus entwickelt wurden. Mehr dazu steht im Glossarbegriff „Personzentrierte Psychotherapie“.
Wo liegen die Grenzen?
Focusing selbst ist keine Psychotherapie und in Österreich keine anerkannte Psychotherapiemethode. Die Behandlung krankheitswertiger psychischer Störungen ist Psychotherapeut:innen, Klinischen Psycholog:innen und Fachärzt:innen für Psychiatrie vorbehalten. Auch die britische Focusing-Vereinigung hält fest, dass Focusing allein vielen Menschen, die Psychotherapie suchen, nicht ausreicht. Manche Menschen haben laut der Vereinigung nach schmerzhaften Erfahrungen kaum Zugang zum eigenen Körper und tun sich mit Focusing schwer. Wer von belastenden Gefühlen überwältigt wird, findet demnach in einer Psychotherapie unter Umständen den besseren Einstieg.
Wichtiger Hinweis
Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.
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