Was ist Individualpsychologie?
Die Individualpsychologie ist eine Richtung der Tiefenpsychologie, die besonders auf die sozialen Seiten von Entwicklung und Veränderung achtet. Der Name geht auf das lateinische „individuus“ zurück, das „ungeteilt, unteilbar“ bedeutet. Statt die Psyche in verschiedene Instanzen zu gliedern, betont sie die Einheit und Einmaligkeit jedes Menschen.
Wie andere tiefenpsychologische Schulen geht sie von unbewussten Vorgängen aus, die Erleben und Handeln mitbestimmen. Besondere Aufmerksamkeit gilt laut dem Österreichischen Verein für Individualpsychologie der Stellung des Einzelnen in seinem sozialen Umfeld. Wie sie sich in die übrigen Schulen einordnet, beschreibt der Begriff „Tiefenpsychologie“.
Woher kommt die Individualpsychologie?
Die Individualpsychologie entstand aus der Auseinandersetzung zwischen dem Wiener Arzt Alfred Adler (1870–1937) und Sigmund Freud. 1902 lud Freud ihn in seine Diskussionsrunde ein, die Mittwochsgesellschaft. Mit seiner „Studie über Minderwertigkeit von Organen“ von 1907 entwickelte Adler eine eigene Lehre.
1911 kam es zum Bruch, und Adler gründete einen eigenen Verein, der kurz darauf „Verein für Individualpsychologie“ hieß. Das Sozialministerium bezeichnet die Individualpsychologie als zweitälteste psychotherapeutische Schule der Tiefenpsychologie. Im Wien der Zwischenkriegszeit war Adler am Aufbau von Erziehungsberatungsstellen beteiligt. Er übersiedelte 1934 in die USA und starb 1937 auf einer Vortragsreise in Aberdeen.
Welche Grundbegriffe prägen die Individualpsychologie?
Ein zentraler Begriff ist das Minderwertigkeitsgefühl, also das Erleben tiefgehender seelischer oder körperlicher Unzulänglichkeit. Nach Adler begleitet es Menschen von früher Kindheit an, etwa durch Hilflosigkeit, Entmutigung oder körperliche Mängel. Menschen versuchen, solche Gefühle durch Erfolge auszugleichen, was Adler Kompensation nannte. Misslingt das, können nach seiner Lehre neurotische Beschwerden entstehen.
Ziele haben in Adlers Theorie einen zentralen Platz. Die Gesamtheit der Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen, die einen Menschen seinen persönlichen Zielen näherbringen, nannte er Lebensstil. Große Bedeutung maß er auch der Familienkonstellation zu, etwa der Geburtsreihenfolge.
Als Ziel einer gelingenden Entwicklung und einer Psychotherapie gilt das Gemeinschaftsgefühl. Gemeint ist die Fähigkeit, an einer Gemeinschaft teilzuhaben, sie mitzugestalten und mitmenschlich zu handeln. Anders als Freud stellte Adler nicht die Sexualität in den Mittelpunkt, sondern das Streben nach Macht und Ansehen im sozialen Umfeld.
Wie läuft eine individualpsychologische Psychotherapie ab?
In Österreich stehen das Deuten von Unbewusstem und das Verstehen von Übertragung, Widerstand und Abwehr im Mittelpunkt. Die individualpsychologische Analyse Erwachsener findet laut Sozialministerium meist hochfrequent im Sessel-Couch-Setting über mehrere Jahre statt. Je nach Indikation wird auch einander gegenüber im Sitzen gearbeitet. Angeboten wird sie zudem für Paare, Familien, Gruppen und besonders für Kinder und Jugendliche.
Das Dorsch Lexikon der Psychologie beschreibt die Methode allgemeiner. Es betont die Ermutigung, die Selbstvertrauen aufbauen soll, und eine vor allem gedankliche Arbeit, offen für Methoden anderer Ansätze.
Wer bietet Individualpsychologie in Österreich an?
Individualpsychologie bieten Psychotherapeut:innen an, die in dieser Methode ausgebildet und in der Berufsliste Psychotherapie eingetragen sind. Für einen Kostenzuschuss der Sozialversicherung braucht es in der Regel eine krankheitswertige psychische Störung und eine ärztliche Bestätigung. Für reine Beratung oder Persönlichkeitsentwicklung gibt es keine Kostenübernahme.
Wo liegen die Grenzen?
Gut abgesicherte Belege für die Wirksamkeit fehlen. Das Dorsch Lexikon der Psychologie hält fest, dass die klinische Wirksamkeit nicht belegt ist. Eine Turiner Arbeitsgruppe hat eine an Adler orientierte psychodynamische Kurztherapie entwickelt und selbst in kleineren Studien untersucht. Bei generalisierter Angststörung besserten sich die Beschwerden damit ähnlich wie mit Medikamenten.
Ob eine Methode im Einzelfall passt, lässt sich laut Sozialministerium nur im persönlichen Gespräch klären. Weil seelische Beschwerden auch körperliche Ursachen haben können, gehört eine medizinische Abklärung dazu.