Was ist psychiatrische Diagnostik?
Psychiatrische Diagnostik klärt, ob eine psychische Krankheit oder Störung vorliegt und welche. Laut Ärztegesetz gehört die Untersuchung auf körperliche und psychische Krankheiten oder Störungen zum ärztlichen Beruf. Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin sind in Vorbeugung, Diagnose und Behandlung psychischer Krankheiten, Störungen und Verhaltensauffälligkeiten ausgebildet.
Die Grenze zwischen psychischer Gesundheit und Erkrankung ist nicht immer scharf, das MSD Manual beschreibt sie als Kontinuum. Für die Einordnung zählt daher, wie schwer die Beschwerden sind, wie lange sie anhalten und wie stark sie den Alltag beeinträchtigen.
Woher kommt der Begriff?
„Psychiatrie“ setzt sich aus den griechischen Wörtern psychḗ für „Seele, Geist, Gemüt“ und iātreía für „Heilung, ärztliche Behandlung“ zusammen. Eingeführt hat den Begriff 1808 der Arzt Johann Christian Reil an der Universität Halle, zunächst in der Form „Psychiaterie“.
Wie läuft eine psychiatrische Abklärung ab?
Am Anfang stehen Fragen zu den Beschwerden und zur medizinischen und psychischen Vorgeschichte. Gefragt wird etwa, wann die Beschwerden begonnen haben, ob Medikamente oder Drogen eingenommen oder abgesetzt wurden und wie die Lebenssituation aussieht. Danach folgt eine körperliche Untersuchung. Sie schließt eine neurologische Untersuchung mit einem Test des Geisteszustands ein, der unter anderem Konzentration, Gedächtnis, Gemütszustand und Sprache prüft.
Ein wichtiges Ziel ist, körperliche Ursachen zu erkennen. Veränderungen von Verhalten und Persönlichkeit können etwa durch Schilddrüsenerkrankungen, Infektionen des Gehirns, Nebenwirkungen von Medikamenten oder Drogen entstehen. Je nach Befund folgen Blut- oder Urintests und manchmal eine Computertomographie oder Magnetresonanztomographie des Gehirns.
Ergänzend kann eine klinisch-psychologische Diagnostik mit wissenschaftlichen psychologischen Tests veranlasst werden. Mit ärztlicher Verschreibung oder psychotherapeutischer Zuweisung ist sie eine Leistung der Krankenkasse.
Wie werden psychische Erkrankungen eingeordnet?
Diagnosen werden nach einheitlichen Klassifikationen benannt, international maßgeblich ist die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die elfte Fassung, ICD-11, wurde 2019 von der Weltgesundheitsversammlung beschlossen und gilt seit 1. Jänner 2022. Für psychische Störungen veröffentlichte die WHO 2024 ein eigenes klinisches Handbuch mit Beschreibungen und diagnostischen Anforderungen.
Daneben gibt es das Diagnostische und statistische Handbuch psychischer Störungen (DSM) der US-amerikanischen Psychiatervereinigung, zuletzt 2022 als DSM-5-TR. Laut MSD Manual ähneln sich die diagnostischen Kategorien von ICD-11 und DSM-5-TR. In Österreich wird für die Dokumentation derzeit die ICD-10 verwendet. Laut Gesundheitsministerium ist im niedergelassenen Bereich ab 1. Juli 2026 zu jedem ambulanten Kontakt mindestens ein ICD-10-Code zu erfassen.
Wer bietet psychiatrische Diagnostik in Österreich an?
Erste Ansprechstelle bei psychischen Beschwerden kann die Hausärztin oder der Hausarzt sein, die oder der bei Bedarf weiterüberweist. Die fachärztliche Abklärung übernehmen Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin.
Für Kinder und Jugendliche gibt es Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Sie dürfen ihre Patient:innen bei Bedarf auch im Erwachsenenalter weiter betreuen, bis Fachärzt:innen für Psychiatrie übernehmen, längstens bis zum 25. Lebensjahr.
Bei Vertragsärzt:innen der ÖGK ist die Behandlung mit e-card oder Überweisung zuzahlungsfrei. Bei Wahlärzt:innen zahlt man zunächst selbst und bekommt von der ÖGK 80 Prozent des Kassentarifs ersetzt.
Wann ist rasche Hilfe nötig?
Bestimmte Warnsignale sprechen dafür, möglichst bald ärztliche Hilfe zu suchen. Das MSD Manual nennt etwa plötzlich auftretende Beschwerden, Verwirrtheit, Fieber, starke Kopfschmerzen, eine Kopfverletzung in den letzten Wochen sowie Störungen beim Gehen, Sprechen oder Sehen. Dazu zählen ebenso der Versuch oder die Drohung, sich selbst oder andere zu verletzen. Bei plötzlicher Verwirrtheit ist laut MSD Manual sofort ärztliche Hilfe nötig.
Bei Gedanken an Suizid oder in einer akuten Krise hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142. Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147. Im Notfall ist die Rettung unter 144 erreichbar.