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Geschlechtsinkongruenz

05:21

Auf den Punkt gebracht

Geschlechtsinkongruenz bezeichnet eine deutliche und anhaltende Nichtübereinstimmung zwischen dem erlebten Geschlecht eines Menschen und dem Geschlecht, das bei der Geburt zugewiesen wurde. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt sie in ihrer Klassifikation ICD-11 nicht mehr als psychische Störung. Ältere Bezeichnungen wie „Transsexualismus“ oder „Geschlechtsidentitätsstörung“ gelten als überholt.

Was ist Geschlechtsinkongruenz?

Geschlechtsinkongruenz beschreibt, dass die eigene Geschlechtsidentität nicht mit den körperlichen Geschlechtsmerkmalen übereinstimmt. Geschlechtsidentität meint, wie sich ein Mensch selbst als geschlechtliches Wesen wahrnimmt und von anderen wahrgenommen werden will. Sie kann weiblich, männlich, nicht binär oder noch anders erlebt werden.

Trans Personen beschreiben sich selbst mit vielen Begriffen, etwa trans, transgender oder transident. Gemeint sind Menschen, die eindeutig als Frau oder Mann leben, ebenso wie nicht binäre Personen. Viele wünschen sich eine Transition, also Schritte, um als Person des erlebten Geschlechts zu leben und anerkannt zu werden. Das kann Hormone oder Operationen einschließen, muss es aber nicht.

Das Wort „Inkongruenz“ geht auf das lateinische congruere für „übereinstimmen“ zurück und bedeutet „mangelnde Übereinstimmung“.

Was ist der Unterschied zur Geschlechtsdysphorie?

Von Geschlechtsdysphorie spricht man, wenn eine Person dauerhaft unter der Nichtübereinstimmung leidet. Belastend kann auch sein, wenn andere das eigene Geschlecht falsch wahrnehmen. „Dysphorie“ bezeichnet in der Medizin eine bedrückte, gereizte Stimmung, „Genderdysphorie“ lehnt sich an den englischen Ausdruck „gender dysphoria“ an.

Das US-amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 verwendet seit 2013 die Diagnose Geschlechtsdysphorie. Die Inkongruenz selbst gilt dort nicht als krankhaft, erst ein klinisch bedeutsamer Leidensdruck. Die ICD-11 setzt dagegen keinen Leidensdruck voraus. Bei Kindern vor der Pubertät gibt es eine eigene Diagnose, geschlechtsuntypisches Verhalten allein reicht dafür nicht aus.

Warum gelten die alten Begriffe als überholt?

Die ältere ICD-10, die in Österreich noch verwendet wird, führt „Störungen der Geschlechtsidentität“ mit „Transsexualismus“ im Kapitel der psychischen und Verhaltensstörungen. Die ICD-11 ersetzt diese Kategorien durch die Geschlechtsinkongruenz und ordnet sie dem neuen Kapitel zur sexuellen Gesundheit zu. Die WHO begründet das damit, dass trans und geschlechtsdiverse Identitäten keine psychischen Erkrankungen sind und eine solche Einordnung stark stigmatisieren kann. Die ICD-11 wurde 2019 beschlossen und ist seit 2022 offiziell in Kraft.

Die Aufnahme in die ICD-11 soll den Zugang zu geschlechtsangleichender Versorgung und deren Kostenübernahme sichern. Auch das DSM-5 hat den Begriff der Geschlechtsidentitätsstörung aufgegeben.

Welche Belastungen gibt es?

Trans Personen tragen laut WHO oft eine überdurchschnittlich hohe Krankheitslast, auch bei der psychischen Gesundheit. Stigmatisierung, Diskriminierung und erschwerter Zugang zur Versorgung sind laut der deutschsprachigen Fachleitlinie mit Risiken wie Depression und Suizidalität verbunden. Zugleich hat ein bedeutsamer Teil der Menschen, die Behandlung suchen, keine psychische Störung.

Im österreichischen LGBTIQ+-Gesundheitsbericht führten 61 Prozent der LGBTIQ+-Personen erlebte Diskriminierung auf ihr Geschlecht oder ihre Geschlechtsidentität zurück. Gesellschaftliche Akzeptanz kann psychische Belastung und Diskriminierung verringern.

Welche Unterstützung gibt es?

Geschlechtsangleichende Versorgung kann soziale, psychologische und medizinische Schritte umfassen, einzeln oder kombiniert. Die Leitlinie für Erwachsene empfiehlt ein individuelles Vorgehen mit dem Ziel, das Inkongruenzerleben und den Leidensdruck zu verringern. Psychotherapie kann bei Entscheidungen und bei begleitenden psychischen Erkrankungen helfen, soll laut dieser Leitlinie aber keine Voraussetzung für körperliche Behandlungen sein.

Das österreichische Sozialministerium verweist zur Orientierung auf zwei Leitlinien aus dem deutschen Sprachraum, eine für Erwachsene und eine für Kinder und Jugendliche. Für Hormonbehandlungen und Operationen ist laut Gesundheitsportal eine entsprechende ICD-Diagnose Voraussetzung, auch damit die Kosten vom Gesundheitssystem übernommen werden. Weitere Informationen und Beratung bietet in Österreich etwa der Verein TransX, den das Gesundheitsportal als Anlaufstelle nennt.

In einer akuten Krise oder bei Gedanken an Suizid hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 142. Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht unter 147, im Notfall ist die Rettung unter 144 erreichbar.

Wichtiger Hinweis

Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.

Quellen (11)