Was ist Ayurveda?
Ayurveda ist ein traditionelles Medizinsystem, dessen Name wörtlich „Wissen vom Leben“ bedeutet. In Indien, Nepal, Sri Lanka und Bangladesch ist es die wichtigste traditionelle Medizin. Ayurveda-Fachleute werden dort an Universitäten ausgebildet, für die klinische Praxis zugelassen und arbeiten auch in der öffentlichen Gesundheitsversorgung.
Ayurveda beruht auf zwei Grundlehren. Nach der ersten besteht alles, auch der menschliche Körper, aus fünf Grundelementen. Nach der zweiten halten drei Doshas namens Vata, Pitta und Kapha die Körperfunktionen im Gleichgewicht. Vata steht für Bewegung, Pitta für Umwandlung und Kapha für Aufbau. Gerät dieses Gleichgewicht aus dem Lot, entsteht nach ayurvedischer Lehre Krankheit.
Bei den meisten Menschen überwiegt ein Dosha, die Mischung aller drei ist aber bei jedem Menschen anders. Diese persönliche Grundverfassung heißt Prakriti. Zusammen mit Alter, Lebensgewohnheiten, Ernährung und Umwelt fließt sie in die Planung einer Behandlung ein.
Woher kommt Ayurveda?
Ayurveda stammt vom indischen Subkontinent. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO reicht seine schriftlich belegte Geschichte rund 3.500 Jahre zurück, die mündliche Überlieferung gilt als noch älter. Die WHO stützt ihre Beschreibung vor allem auf klassische Lehrtexte, darunter die Caraka-Samhita und die Sushruta-Samhita.
Im 20. Jahrhundert verbreiteten sich Ausbildung und Praxis des Ayurveda weltweit. Nach Angaben der WHO wurde Ayurveda 2012 in 93 ihrer Mitgliedstaaten ausgeübt. Außerhalb des indischen Subkontinents unterscheiden sich Ausbildung und Praxis allerdings stark.
Wie arbeitet Ayurveda?
Ayurveda-Therapeut:innen fragen nach Beschwerden, Verhalten und Lebensstil und betrachten Augen, Zunge und Haut. Außerdem fühlen sie den Puls. Daraus leiten sie eine Behandlung ab, die auf die einzelne Person zugeschnitten ist.
Dazu gehören Ernährungsempfehlungen, Kräuter, Massagen, Meditation, Bewegung und Yoga. Ayurvedische Arzneimittel enthalten vor allem Pflanzen, können aber auch tierische oder mineralische Bestandteile haben. Eine eigene Gruppe bilden Reinigungsverfahren, zusammengefasst als Panchakarma, Sanskrit für „fünf Handlungen“. Dazu zählen herbeigeführtes Erbrechen, Abführen, die Gabe von Mitteln über die Nase und zwei Arten von Einläufen.
Was ist eine Ayurveda-Massage?
Die klassische Ayurveda-Ölmassage heißt Abhyanga. Dabei wird der Körper nach ayurvedischen Techniken mit Öl massiert. Die WHO beschreibt daneben weitere Formen, etwa eine Kopfmassage mit Öl, den Ölguss auf den Kopf, bekannt als Shirodhara, und eine Massage mit Kräuterpulver.
Zur Wirkung gibt es nur wenige Studien. In einer Pilotstudie mit 20 gesunden Erwachsenen berichteten die Teilnehmenden nach einer einstündigen Abhyanga-Massage über weniger Stress, und ihr Puls sank. Eine Vergleichsgruppe gab es nicht, der Autor hielt strengere Studien für nötig. Eine Übersichtsarbeit zu Arthrose fand für Ayurveda-Massage keine Belege für eine Wirkung, die über mögliche Verzerrungen der Studien hinausgeht.
Was sagt die Forschung?
Ayurveda wurde unter anderem bei allergischem Schnupfen, psychischen und neurologischen Erkrankungen, Schmerzen, Arthritis und Diabetes untersucht. Laut MSD Manual waren die Studien nicht schlüssig. Hochwertige Forschung ist bei einem ganzen Medizinsystem schwer durchzuführen.
Die genannte Arthrose-Übersicht von 2015 bezeichnete die Belege für Ayurveda als unbefriedigend, für einzelne Kräutermischungen fand sie aber positive Ergebnisse.
Welche Risiken gibt es?
Ein bekanntes Risiko sind Schwermetalle in ayurvedischen Präparaten. Manche pflanzlichen Mischungen sind mit Blei, Quecksilber oder Arsen verunreinigt und können eine Schwermetallvergiftung verursachen. In einer US-Untersuchung enthielt etwa jedes fünfte im Internet gekaufte Ayurveda-Mittel nachweisbares Blei, Quecksilber oder Arsen. Das betraf in den USA hergestellte Produkte ebenso wie solche aus Indien.
Besonders häufig belastet waren Mittel nach der Tradition des Rasa Shastra, bei der Kräuter bewusst mit Metallen, Mineralien und Edelsteinen kombiniert werden. Eine Übersichtsarbeit sammelte aus zwei Jahrzehnten 220 beschriebene Vergiftungsfälle durch ayurvedische und verwandte indische Mittel, die meisten durch Blei. Als Ursachen nennt sie vor allem verfälschte oder unsachgemäß hergestellte Mittel.
Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung rät mit Blick auf giftige Pflanzensamen, die im Ayurveda verwendet werden, Präparate nur aus sicheren Bezugsquellen zu beziehen und nicht selbst herzustellen. Auch die WHO weist darauf hin, dass ayurvedische Mittel durch Verunreinigung, Verfälschung, Verwechslung von Pflanzen oder zu hohe Dosen schaden können. Bei Schwangeren, Kindern, älteren Menschen und Menschen mit psychischen Erkrankungen empfiehlt sie besondere Vorsicht bei ayurvedischen Anwendungen.
Für Massagen allgemein gilt laut MSD Manual, dass bei erhöhter Blutungsneigung Blutergüsse und Blutungen möglich sind. Auf Knochen mit Osteoporose oder Krebsabsiedelungen darf kein direkter Druck ausgeübt werden.
Wer bietet Ayurveda in Österreich an?
In Österreich ist die Ayurveda-Wohlfühlpraktik eine eigene, auf dieses System beschränkte Form des Massagegewerbes. Die Wirtschaftskammer zählt sie zu den „ganzheitlich in sich geschlossenen Systemen“ wie Shiatsu, die eine eigene Ausbildung und Gewerbeberechtigung brauchen und vorbeugend arbeiten. Die Massage-Verordnung schreibt dafür mindestens 765 Ausbildungsstunden über drei Jahre vor. Dazu kommen 150 dokumentierte Einzelanwendungen, davon mindestens 50 unter Aufsicht, sowie 40 Stunden Fortbildung alle fünf Jahre.
Die Ayurveda-Wohlfühlpraktik zählt nicht zu den Gesundheitsberufen. Krankheiten festzustellen und zu behandeln ist in Österreich vor allem Ärzt:innen vorbehalten, auch wenn dabei komplementäre Methoden eingesetzt werden. Diplomierte Pflegefachkräfte können eine Weiterbildung in komplementärer Pflege mit Schwerpunkt Ayurveda absolvieren.