Was ist eine Störung mit oppositionellem Trotzverhalten?
Kinder und Jugendliche mit dieser Störung sind meist widerspenstig, schwierig, ungehorsam und reizbar. Ihr Verhalten richtet sich oft gegen Autoritätspersonen wie Eltern oder Lehrkräfte. Anders als bei schwereren Störungen des Sozialverhaltens werden sie aber in der Regel nicht körperlich aggressiv und verletzen die Rechte anderer nicht ernsthaft.
Die Störung hat mehrere Namen. Die in Österreich verwendete ICD-10 spricht von einer „Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten“. Im Englischen heißt sie „oppositional defiant disorder“, kurz ODD. Die neue ICD-11 der WHO unterscheidet eine Form mit anhaltender Reizbarkeit und Wut von einer Form ohne diese Grundstimmung.
Trotz gehört zur normalen Entwicklung. So kann es zum Beispiel bei Zweijährigen altersgemäß sein, Anweisungen von Erwachsenen zu verweigern. Übermütiges oder ungezogenes Verhalten allein reicht für die Diagnose nicht aus.
Woher kommt die Diagnose?
Als eigene Diagnose wurde die Störung 1980 im US-amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-III eingeführt, damals unter dem Namen „oppositional disorder“. Die ersten Kriterien beschrieben vor allem Verhalten wie Wutanfälle, Streitlust und Sturheit. Kritiker:innen bemängelten, dass damit normales kindliches Verhalten zur Krankheit gemacht werde. Spätere Fassungen schärften die Kriterien deshalb nach.
Woran erkennt man die Störung?
Die Beschwerden beginnen häufig im Vorschul- oder Schulalter. Typisch ist, dass Kinder die Autorität Erwachsener infrage stellen, schnell die Beherrschung verlieren und sich bewusst über Regeln hinwegsetzen. Manche ärgern andere absichtlich, geben anderen die Schuld an eigenen Fehlern oder sind nachtragend und rachsüchtig. Gleichzeitig kennen sie den Unterschied zwischen Recht und Unrecht und haben Schuldgefühle, wenn sie etwas wirklich Falsches getan haben.
Für die Diagnose beschreiben meist Eltern oder Lehrkräfte das Verhalten. Fachleute klären dabei, ob eine Depression, eine Angststörung oder eine unbehandelte ADHS ähnliche Anzeichen erklären kann. Laut einer Übersichtsarbeit treten ADHS und die Störung mit oppositionellem Trotzverhalten in 30 bis 50 Prozent der Fälle gemeinsam auf.
Wie entsteht die Störung?
Die Ursache ist nicht bekannt. Häufiger kommt die Störung wahrscheinlich in Familien vor, in denen die Eltern laut streiten, auch ein niedriger sozioökonomischer Status kann beitragen. Im Alltag kann ein Teufelskreis entstehen: Reagieren Erwachsene auf schwieriges Verhalten verärgert, verstärkt das oft das negative Verhalten des Kindes.
Was hilft bei oppositionellem Trotzverhalten?
Am besten helfen Techniken zur Verhaltensänderung, etwa konsequente, klare Regeln und das Belohnen von erwünschtem Verhalten. Fachleute leiten Eltern und Lehrkräfte dabei an. Die britische Leitlinienbehörde NICE empfiehlt Elterntrainings in Gruppen für Eltern von Kindern zwischen 3 und 11 Jahren. Für 9- bis 14-Jährige nennt sie Gruppenprogramme zum Lösen sozialer Probleme. Begleitende Probleme wie ADHS oder Konflikte in der Familie sollten mitbehandelt werden.
Medikamente empfiehlt NICE nicht routinemäßig gegen die Verhaltensprobleme selbst. Sie kommen vor allem bei Begleiterkrankungen wie ADHS, Depressionen oder Angststörungen infrage.
Bei den meisten Kindern bessert sich das Verhalten mit der Zeit, auch ohne Behandlung. Bleiben die Beschwerden bis ins Jugend- oder Erwachsenenalter bestehen, sind die Aussichten ungünstiger, und das Risiko für eine schwerere Störung des Sozialverhaltens steigt.
In Österreich sind Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie für Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter ausgebildet. Auch Klinische Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen unterstützen. Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht anonym und rund um die Uhr unter 147.