Selbsterfahrung bedeutet, sich selbst besser verstehen zu lernen, indem man über sich und die eigenen Probleme spricht, einzeln oder in einer Gruppe. In Österreich ist sie ein vorgeschriebener Teil der Ausbildung in Psychotherapie, Klinischer Psychologie, Gesundheitspsychologie und Lebens- und Sozialberatung.
Was ist Selbsterfahrung?
Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache beschreibt Selbsterfahrung als Sich-selbst-verstehen-Lernen durch das Sprechen über sich selbst und die eigenen Probleme. Dazu kann auch die Begegnung mit ähnlichen Problemen anderer Menschen gehören, etwa in einer Gruppe.
Das Psychotherapiegesetz 2024 beschreibt die psychotherapeutische Selbsterfahrung genauer. Es geht davon aus, dass die eigenen Erfahrungen sowie das eigene Denken, Fühlen und Handeln für die berufliche Arbeit bedeutsam sind. Ziel ist, diese Einflüsse zu erkennen und die Selbstwahrnehmung zu erweitern, und zwar durch Selbstreflexion mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten.
Welche Rolle spielt Selbsterfahrung in der Ausbildung?
Im neuen Ausbildungsmodell nach dem Psychotherapiegesetz 2024 absolvieren angehende Psychotherapeut:innen Selbsterfahrung in allen drei Ausbildungsabschnitten. Das Gesetz sieht sie im Bachelorstudium vor, im Masterstudium einzeln und in der Gruppe sowie in der anschließenden postgradualen Fachausbildung.
Für die Ausbildung in Klinischer Psychologie und in Gesundheitspsychologie verlangt das Psychologengesetz 2013 jeweils mindestens 76 Einheiten Selbsterfahrung. Mindestens 40 davon finden einzeln statt, bei höchstens zwei Personen. Auch der Lehrgang für Lebens- und Sozialberatung enthält Einzel- und Gruppenselbsterfahrung. Themen sind laut Verordnung etwa die eigene Lebensgeschichte, die Herkunftsfamilie, eigene Beziehungsmuster sowie Verlust und Abschied.
Machen Therapeut:innen selbst Therapie?
Eine eigene Therapie ist unter Fachleuten weit verbreitet. In einer Studie von 2011 mit fast 4.000 Psycholog:innen, Berater:innen, Sozialarbeiter:innen, Psychiater:innen und Pflegekräften aus sechs englischsprachigen Ländern hatten 87 Prozent mindestens einmal eine eigene Therapie gemacht. Bei psychoanalytisch oder psychodynamisch arbeitenden Therapeut:innen waren es 94 Prozent, bei kognitiv-verhaltenstherapeutisch arbeitenden 73 Prozent.
Wichtiger Hinweis
Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.