Was ist Schwindeltherapie?
„Der Boden schwankt“ oder „alles dreht sich“: So beschreiben Betroffene ihren Schwindel, der oft mit Gangunsicherheit und Angst vor Stürzen einhergeht. Schwindel entsteht, wenn Augen, Gleichgewichtsorgan und Körperwahrnehmung dem Gehirn widersprüchliche Informationen liefern. Das Gleichgewichtsorgan liegt im Innenohr und erfasst Drehbewegungen und Beschleunigungen des Kopfes.
Die vestibuläre Rehabilitation setzt hier an. Sie kann laut Cochrane-Übersicht mehrere Bausteine umfassen: Übungen, die den Schwindel gezielt auslösen, um das System daran zu gewöhnen, das Abstimmen von Augen- und Kopfbewegungen, Gleichgewichts- und Gangtraining sowie Wissen über die Erkrankung. Ziel ist, dass das Gehirn den Ausfall ausgleicht und Betroffene im Alltag wieder sicherer und aktiver werden.
Woher kommt die Schwindeltherapie?
Die Grundlagen reichen in die 1940er-Jahre zurück. Damals beobachteten T. Cawthorne und F. S. Cooksey, dass Menschen mit einseitigen Störungen des Gleichgewichtsorgans, die Übungen machten, besser mit ihren Beschwerden zurechtkamen und sich schneller erholten. Ihre Arbeiten dazu erschienen 1946 in der englischen Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society of Medicine.
Bei welchen Beschwerden wird sie eingesetzt?
Eingesetzt wird sie vor allem bei Schwindel, der vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr ausgeht, etwa nach einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs. Auch bei einer beidseitigen Störung der Gleichgewichtsorgane, die sich oft als Schwankschwindel beim Gehen im Dunkeln zeigt, gehören Gleichgewichtstraining sowie Gang- und Standschulung zur Behandlung. Bei chronischem Schwindel gilt Physiotherapie des Gleichgewichts als Grundpfeiler.
Eine Sonderrolle hat der gutartige Lagerungsschwindel, bei dem lose Kristalle im Innenohr kurze Drehschwindelattacken auslösen. Hier helfen vor allem Lagerungsmanöver, bei denen gezielte Kopf- und Körperbewegungen die Kristalle aus dem Bogengang befördern. Manche Manöver lassen sich auch zu Hause anwenden, allerdings nur das ärztlich empfohlene, denn ein falsches Manöver kann die Beschwerden verschlechtern.
Wie gut wirkt die Schwindeltherapie?
Für Schwindel durch einseitige Störungen des Gleichgewichtsorgans ist die vestibuläre Rehabilitation gut untersucht. Eine Cochrane-Übersicht von 2015 mit 39 Studien fand mittlere bis starke Belege, dass sie sicher und wirksam ist, und mittlere Belege, dass sie Beschwerden und Alltagsfunktion mittelfristig verbessert. Nebenwirkungen wurden nicht berichtet. Welche Übungsform am besten ist, ließ sich nicht klären.
Beim gutartigen Lagerungsschwindel wirkten Lagerungsmanöver kurzfristig besser als reine Übungsprogramme, die Kombination half aber der längerfristigen Erholung. Die Manöver selbst gelten als ungefährlich, können aber vorübergehend Schwindel, Übelkeit und Erbrechen auslösen.
Wann muss Schwindel sofort abgeklärt werden?
Schwindel hat viele mögliche Ursachen, vom Innenohr über Kreislauf und Nerven bis zu Medikamenten. Neu aufgetretener Schwindel, der andauert oder sehr heftig ist, gehört deshalb ärztlich abgeklärt. Begleiten ihn Doppelbilder, Seh-, Sprech- oder Schluckstörungen, Lähmungen oder Taubheitsgefühle, kann ein Schlaganfall dahinterstecken. Dann muss sofort die Rettung unter 144 verständigt werden.
Warnzeichen sind auch neue oder starke Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Gangunsicherheit und Ohnmacht. Bei solchen Zeichen, bei schwerem Schwindel, bei Schwindel, der länger als eine Stunde anhält, oder bei Erbrechen ist sofort ein Krankenhaus aufzusuchen.
Wer bietet Schwindeltherapie in Österreich an?
Die Übungen leiten Physiotherapeut:innen an, zu deren Arbeit Koordinations- und Gleichgewichtstraining gehört. Für die Abklärung des Schwindels sind Hausärzt:innen sowie Fachärzt:innen für Neurologie oder Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde zuständig. Physiotherapie kann direkt in Anspruch genommen werden, für eine Kostenübernahme durch die Sozialversicherung ist aber in der Regel eine ärztliche Verordnung nötig.