Was ist Naturheilkunde?
Naturheilkunde fasst Methoden zusammen, die pflanzliche oder andere natürliche Stoffe innerlich und äußerlich einsetzen, zum Beispiel Kräuter, Tees, Salben und Hausmittel. Nach klassischem Verständnis gehören auch Luft, Licht, Wärme, Wasser, Diät sowie Ruhe und Bewegung dazu. Großen Wert legte die Naturheilkunde schon im 19. Jahrhundert auf die Vorbeugung durch eine „naturgemäße Lebensweise“.
Das österreichische Gesundheitsministerium nennt Naturheilkunde in einer Reihe mit verwandten Überbegriffen wie Alternativmedizin, Ganzheitsmedizin oder traditioneller Medizin. Selbst bevorzugt es das Wort Komplementärmedizin, also „ergänzende“ Medizin. Damit will es zeigen, dass diese Methoden keine Alternative zur Schulmedizin sein sollen.
Was genau dazugehört, ist bis heute offen. Der Medizinhistoriker Robert Jütte hält eine objektive Definition für unmöglich. Möglich sei nur eine grobe Abgrenzung über die natürlichen Heilfaktoren, deren Art und Zahl aber offenbleiben müsse.
Woher kommt die Naturheilkunde?
Die Naturheilkunde entstand im 19. Jahrhundert als Gegenbewegung zur damaligen Medizin. Bis in die 1860er-Jahre arbeitete die Medizin vor allem mit Aderlässen, Brech- und Abführmitteln und stark giftigen Arzneien. Die frühen Naturheilkundigen lehnten Arzneimittel deshalb ganz ab.
Als „Urvater der Naturheilkunde“ galt den meisten naturheilkundlichen Zeitschriften Vinzenz Prießnitz. Der Landwirt eröffnete 1822 in Gräfenberg in Schlesien eine Kaltwasser-Heilanstalt. Die Bewegung hieß zunächst Wasserheilkunde, das Wort Naturheilkunde führte J. H. Rausse ein. Der bayerische Arzt Lorenz Gleich erweiterte das Konzept 1849. Später nahm Sebastian Kneipp Heilkräuter auf, was unter Naturheilkundigen lange umstritten war.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkannte die Naturheilkunde auch eigene Grenzen an, etwa bei Operationen. „Wir dürfen nicht fanatisch sein und müssen in gewissen Fällen das Messer wirken lassen“, hieß es 1898 in der Zeitschrift „Der Naturarzt“. Im englischen Sprachraum bezeichnet der verwandte Begriff Naturopathie ein Gesundheitssystem, das Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA eingeführt wurde.
Was sagt die Forschung?
Zur Naturheilkunde gibt es nur wenige gut angelegte Studien. Für die meisten komplementärmedizinischen Behandlungen fehlen laut Gesundheitsportal Hinweise auf eine Wirksamkeit. Wie gut einzelne Bausteine belegt sind, ist dabei sehr verschieden. Dass eine ausgewogene Ernährung und Bewegung im Alltag die Gesundheit fördern, gilt als wissenschaftlich erwiesen.
Wenn sich jemand nach einer Behandlung besser fühlt, kann das auch am Placeboeffekt liegen, also an der Erwartung einer Besserung. Zudem schwanken viele Beschwerden von selbst und bessern sich manchmal ohne Zutun.
Worauf ist zu achten?
Natürlich heißt nicht automatisch harmlos. Wer Stoffe mit wirksamen Inhaltsstoffen anwendet, muss laut Gesundheitsministerium immer auch mit Nebenwirkungen oder Vergiftungen rechnen. Risiken und Nebenwirkungen komplementärmedizinischer Verfahren sind zudem oft unzureichend erforscht.
Schaden entsteht außerdem, wenn solche Verfahren eine notwendige wirksame Behandlung ersetzen oder verzögern. Bei Krebs etwa kann das die Überlebenschancen verringern. Manche Anbieter:innen raten außerdem von Impfungen bei Kindern ab, obwohl der Nutzen von Impfungen die Risiken bei Weitem überwiegt. Das Gesundheitsministerium empfiehlt, komplementärmedizinische Anwendungen bei einer Erkrankung nur in Absprache mit einer Ärztin oder einem Arzt zu nutzen.
Wer bietet Naturheilkunde in Österreich an?
Naturheilkundliche und andere komplementärmedizinische Verfahren bieten Ärzt:innen an, aber auch Hebammen, Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen und Psychotherapeut:innen. Für Ärzt:innen gibt es Fortbildungsdiplome der Österreichischen Ärztekammer. Ein Ausbildungsangebot sagt laut Gesundheitsministerium allerdings nichts über die Qualität der Ausbildung oder die Wirksamkeit einer Methode aus.
Der Beruf der Heilpraktikerin oder des Heilpraktikers ist in Österreich verboten. Krankheiten festzustellen und zu behandeln ist in Österreich vor allem Ärzt:innen vorbehalten. Die Krankenversicherung übernimmt die Kosten komplementärmedizinischer Behandlungen in der Regel nicht und nur in wenigen Fällen nach chefärztlicher Bewilligung.