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Bindungsstörungen

05:21

Auf den Punkt gebracht

Bindungsstörungen sind psychische Störungen der frühen Kindheit, die nach grob unzureichender Betreuung entstehen, etwa durch schwere Vernachlässigung, Misshandlung oder häufig wechselnde Bezugspersonen. Unterschieden werden eine gehemmte und eine enthemmte Form. Im Mittelpunkt der Hilfe steht eine verlässliche, feinfühlige Betreuung.

Was sind Bindungsstörungen?

Bindung an andere Menschen ist ein Grundbedürfnis. Bis etwa zum Ende des ersten Lebensjahres bauen Kinder in der Regel zu einer Hauptperson eine besonders enge Bindung auf. Bei einer Bindungsstörung ist das Bindungsverhalten oder das Verhalten gegenüber fremden Erwachsenen schwer gestört, weil die Betreuung in den ersten Lebensjahren grob unzureichend war.

Dazu zählt laut der WHO-Klassifikation ICD-11, wenn das Bedürfnis eines Kindes nach Trost, Zuwendung und Versorgung dauerhaft missachtet wird. Ebenso gehören häufige Wechsel der Betreuungspersonen, das Aufwachsen in Heimen ohne stabile Bezugspersonen und Misshandlung dazu. Festgestellt werden Bindungsstörungen nur bei Kindern. Die Auffälligkeiten entwickeln sich in den ersten fünf Lebensjahren, festgestellt wird die Störung aber nicht vor einem Alter von etwa einem Jahr.

Welche Formen gibt es?

Kinder mit einer reaktiven Bindungsstörung wirken gehemmt und emotional zurückgezogen. Sie suchen kaum Trost, wenn es ihnen schlecht geht, und reagieren kaum, wenn man sie tröstet. Oft zeigen sie wenig Freude, zeitweise auch unerklärliche Reizbarkeit, Traurigkeit oder Furcht.

Bei der enthemmten Form gehen Kinder wahllos und distanzlos auf fremde Erwachsene zu. Sie suchen Trost bei Unbekannten und stellen ihnen unpassend persönliche Fragen. In fremder Umgebung vergewissern sie sich kaum bei ihrer Bezugsperson und gehen ohne Zögern mit Fremden mit. Diese Form kann auch bestehen, wenn ein Kind Bindungen aufgebaut hat. Die ICD-10 nennt die beiden Formen „reaktive Bindungsstörung des Kindesalters“ und „Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung“.

Ist jede unsichere Bindung eine Störung?

Nein, unsichere Bindungsmuster sind keine Krankheit. Die Fachwelt unterscheidet sichere, unsicher-vermeidende, unsicher-ambivalente und desorganisierte Bindungsmuster. Sie zeigen sich gegenüber einer bestimmten Person und gelten als mögliche Risikofaktoren für spätere Schwierigkeiten. Eine Bindungsstörung zeigt sich dagegen anhaltend, gegenüber verschiedenen Menschen und in verschiedenen Situationen.

Auch Autismus ist etwas anderes. Kinder mit einer reaktiven Bindungsstörung können grundsätzlich Kontakt aufnehmen und erwidern, und ihre Auffälligkeiten bessern sich deutlich, wenn sie gut betreut werden.

Woher kommt der Begriff?

Grundlage ist die Bindungstheorie des Londoner Kinderpsychiaters John Bowlby und der Forscherin Mary Ainsworth. Bowlby beschrieb 1951 in einem Bericht für die WHO die Folgen fehlender mütterlicher Fürsorge bei Kindern im Nachkriegseuropa. Als eigene Diagnose erschienen Bindungsstörungen 1980 im US-amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-III.

Was hilft bei Bindungsstörungen?

Weil die Ursache in der Betreuung liegt, steht eine verlässliche, feinfühlige Fürsorge im Mittelpunkt. Kommen Kinder aus Heimen in Pflege- oder Adoptivfamilien, gehen die Zeichen einer reaktiven Bindungsstörung in Studien meist deutlich zurück oder verschwinden. Die enthemmte Form hält sich hartnäckiger, vor allem nach langer Heimunterbringung. Je früher ein Kind aus einer belastenden Umgebung kommt, desto günstiger.

Bei Bindungsschwierigkeiten von Vorschulkindern empfiehlt die britische Leitlinie NICE etwa Videofeedback-Programme für Eltern, Pflege- und Adoptiveltern. Fachleute helfen ihnen dabei, das Verhalten ihres Kindes zu verstehen und auf seine Gefühle einzugehen. Von Medikamenten gegen die Bindungsprobleme selbst rät sie ab, Begleiterkrankungen wie ADHS oder Depression werden eigens behandelt. Manche Techniken umstrittener „Bindungstherapien“ gelten laut einer US-Fachgesellschaft als möglicherweise schädlich, ihr Nutzen ist wissenschaftlich nicht geklärt.

Kinder mit einer reaktiven Bindungsstörung haben später ein höheres Risiko für Depressionen und Schwierigkeiten in Beziehungen. Nach Misshandlung kann zusätzlich eine posttraumatische Belastungsstörung entstehen.

Wer hilft in Österreich?

Bei Sorgen um die Eltern-Kind-Beziehung oder das Verhalten eines Kindes sind Kinderärzt:innen eine erste Anlaufstelle und überweisen bei Bedarf weiter. Die Frühen Hilfen begleiten Familien mit Kindern bis drei Jahre kostenlos, auch Familienberatungsstellen beraten kostenlos.

Wer Gewalt oder Vernachlässigung bei einem Kind vermutet, erreicht die Kinder- und Jugendhilfe über die Bezirkshauptmannschaft oder den Magistrat. Kinder und Jugendliche finden bei Rat auf Draht unter 147 rund um die Uhr anonym Hilfe. Im Notfall hilft die Polizei unter 133.

Wichtiger Hinweis

Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.

Quellen (9)