Der lerntheoretische Ansatz erklärt Verhalten als Ergebnis von Lernerfahrungen, auch belastende Muster wie bestimmte Ängste. Was gelernt wurde, lässt sich nach dieser Sicht durch gezielte Anwendung von Lernprinzipien auch wieder verlernen. Aus diesem Ansatz ist die Verhaltenstherapie hervorgegangen.
Was ist der lerntheoretische Ansatz?
Der lerntheoretische Ansatz fragt, wie ein Verhalten erlernt wurde und welche Bedingungen es steuern. Psychische Probleme gelten in dieser Sicht als gelernt. Sie können deshalb durch die systematische Anwendung von Lernprinzipien wieder verlernt werden, so beschreibt es das Sozialministerium.
Joseph Wolpe, ein Pionier der Verhaltenstherapie, fasste diese entsprechend als Gesamtheit von Behandlungsmethoden auf, die aus experimentell gesicherten Lernprinzipien abgeleitet sind. Ihren Ursprung hat die Verhaltenstherapie im Behaviorismus, einer Theorie, nach der menschliches Verhalten (englisch behavior) erlernt ist.
Welche Formen des Lernens gibt es?
Im Mittelpunkt stehen die klassische und die operante Konditionierung sowie das Lernen am Modell. Bei der klassischen Konditionierung tritt ein Reiz wiederholt gemeinsam mit einem anderen auf, der von selbst eine Reaktion hervorruft. Danach löst schon der erste Reiz diese Reaktion aus. Bekanntestes Beispiel ist der Hund von Pawlow, der beim Klang einer Glocke Speichel absonderte, weil die Glocke Futter ankündigte.
Für die Entstehung von Ängsten wurde ein Versuch von Watson und Rayner aus dem Jahr 1920 zum Vorbild. Sie koppelten bei einem elf Monate alten Kind, dem „kleinen Albert“, die Berührung einer weißen Ratte mit einem stark unangenehmen Geräusch. Damit wollten sie zeigen, dass Angstreaktionen auf Konditionierung zurückgehen können. Die Aussagekraft dieses Versuchs gilt laut einer lernpsychologischen Übersicht allerdings als stark überschätzt, eine Wiederholung gelang nicht.
Bei der operanten Konditionierung, die vor allem mit dem Namen Skinner verbunden ist, wird Verhalten durch seine Folgen gesteuert. Was belohnt oder verstärkt wird, tritt häufiger auf. Bandura erweiterte den Rahmen um das Lernen durch Beobachtung anderer, die sogenannte soziale Lerntheorie.
Woher kommt der Ansatz in der Psychotherapie?
Laut Sozialministerium entstand die Verhaltenstherapie in den 1940er-Jahren aus lerntheoretischen Konzepten. Ausgangspunkt war die Forschung zur Konditionierung, die Pawlow als Erster beschrieben hatte und deren klinischen Nutzen er selbst schon in Betracht zog. In den 1950er-Jahren arbeiteten Hans Eysenck und sein Team in Großbritannien an einer Therapie auf Grundlage der Konditionierung.
Etwa zur selben Zeit wendeten in den USA Skinners Schüler:innen die operante Konditionierung bei psychiatrischen Patient:innen an. Im Jahr 1954 veröffentlichte Wolpe erste Ergebnisse mit der systematischen Desensibilisierung, die er in Johannesburg aus Tierversuchen nach Pawlows Methoden entwickelt hatte.
Wie wird der Ansatz in der Therapie genutzt?
Bei der systematischen Desensibilisierung versetzt die Therapeutin oder der Therapeut die Person in Entspannung. Dann stellt sie sich schrittweise jene Situationen vor, die ihr Angst machen. Heute gehören etwa die Konfrontation mit angstauslösenden Situationen und das Einüben neuer Verhaltensweisen zum Vorgehen der Verhaltenstherapie.
Bei Angststörungen lernen Betroffene häufig auch beruhigende Verhaltensweisen, etwa bewusstes tiefes Atmen. Banduras Forschung zum Beobachtungslernen und zum Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten führte zu einer eigenen Behandlungsform bei Angststörungen, der angeleiteten Bewältigung (guided mastery). In Österreich ist die Verhaltenstherapie eine anerkannte psychotherapeutische Methode.
Wo liegen die Grenzen?
Rein lerntheoretische Erklärungen wurden später deutlich erweitert. Seit der sogenannten kognitiven Wende der 1960er-Jahre spielen laut Sozialministerium auch Theorien über Denken und Gefühle, Stressmodelle und die Selbststeuerung eine größere Rolle. Banduras Forschung über Denkprozesse beim sozialen Lernen trug wesentlich dazu bei, dass in den 1970er-Jahren kognitive Verhaltenstherapien entstanden.
Jack Rachman, ein Wegbegleiter Eysencks, hielt 2003 fest, dass viele Prinzipien der damaligen Lerntheorie an Ansehen verloren haben. Auch die Konditionierungstheorie der Angst, die für die frühe Verhaltenstherapie wichtig war, musste überarbeitet und erweitert werden. Die Verhaltenstherapie hat sich seither zur kognitiven Verhaltenstherapie weiterentwickelt.
Wichtiger Hinweis
Dieser Text dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine fachliche Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie stets qualifizierte Spezialist:innen konsultieren.
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