Was ist eine Fettwegspritze?
Für diese Spritzen sind viele Namen im Umlauf, etwa Injektionslipolyse oder Lipodissolve. Fachleute unterscheiden dabei zwei Wirkprinzipien. Manche Mittel sollen den Fettabbau in den Zellen anregen. Andere wirken wie ein Reinigungsmittel und zerstören Fettzellen dauerhaft.
Zur zweiten Gruppe gehört Desoxycholsäure beziehungsweise ihr Natriumsalz, ein Gallensalz. Sie löst die Hüllen von Zellen auf, und zwar nicht gezielt nur bei Fettzellen. In Versuchen an Tiergewebe wurde auch Muskelgewebe geschädigt.
Woher kommt die Methode?
2001 beschrieb P. G. Rittes in einer Fachzeitschrift für Dermatologie Spritzen mit Phosphatidylcholin in die Fettpolster unter den Augen. Solche Mischungen wurden danach beliebt, ohne dass ihr Wirkprinzip bekannt war. 2004 untersuchte eine Forschungsgruppe um A. M. Rotunda eine solche Mischung aus Phosphatidylcholin und Natriumdesoxycholat. Die Ergebnisse sprachen dafür, dass vor allem das Desoxycholat die Zellen auflöst. Nach anfänglicher Begeisterung wurden die Spritzen von Medien und der US-Arzneimittelbehörde kritisch geprüft.
Wofür war sie zugelassen?
In Österreich war laut einer Mitteilung des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) aus dem Jahr 2019 ein Arzneimittel mit Desoxycholsäure für Erwachsene zugelassen. Es war für eine mittlere bis starke Fülle durch Fett unter dem Kinn gedacht, die psychisch deutlich belastet. Spritzen an anderen Körperstellen und Mischungen mit Phosphatidylcholin waren von dieser Zulassung nicht abgedeckt.
Wird ein Arzneimittel außerhalb seiner Zulassung eingesetzt, spricht man von Off-Label-Use. Das ist laut dem Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) nicht verboten. Die Ärztin oder der Arzt muss aber besonders sorgfältig vorgehen, eigens darüber aufklären, die Anwendung im Einzelfall begründen und die Verantwortung für die Entscheidung tragen.
Wie gut wirkt die Behandlung?
Für Fett unter dem Kinn verringerte Desoxycholsäure in mehreren kontrollierten Studien das Fett stärker als ein Scheinmittel. Eine Übersichtsarbeit stuft die Verlässlichkeit dieser Ergebnisse jedoch nur als gering bis mittel ein. Alle eingeschlossenen Studien standen demnach möglicherweise unter dem Einfluss von Herstellerinteressen.
Wie läuft eine Behandlung ab?
Das Mittel wird mit mehreren Einstichen direkt in die Fettschicht unter der Haut gespritzt. Das BASG betont, dass die Spritzen weder zu oberflächlich noch in Muskeln oder Blutgefäße gesetzt werden dürfen. Behandeln sollen nur Ärzt:innen mit Erfahrung und genauer Kenntnis der Anatomie unter dem Kinn.
In Österreich gilt die Anwendung von Arzneimitteln zu Schönheitszwecken als ärztliche Tätigkeit nach dem Gesetz über ästhetische Behandlungen (ÄsthOpG). An Personen unter 16 Jahren ist sie verboten. Bei 16- bis 18-Jährigen müssen sie selbst und die Erziehungsberechtigten schriftlich einwilligen, und behandelt werden darf frühestens vier Wochen danach.
Welche Nebenwirkungen und Risiken gibt es?
Häufig sind Schmerzen, Blutergüsse, Taubheitsgefühl, Rötung und Schwellung an der Einstichstelle. Sie gehen meist bis zur nächsten Sitzung zurück. Auch Verhärtungen, Knoten, Kopfschmerzen und Missempfindungen der Haut traten in Studien häufiger auf als mit Scheinmittel.
2019 warnte das BASG vor Geschwüren und abgestorbenem Gewebe an der Einstichstelle, in einigen Fällen auch an Arterien. Die ersten Anzeichen zeigten sich meist innerhalb einer Woche. Eine falsche Spritztechnik könnte dabei eine Rolle gespielt haben. Nach einem solchen Gewebeschaden darf das Mittel nicht erneut gespritzt werden.
Wo liegen die Grenzen?
Die Zulassung von 2019 und die genannten Studien betreffen nur Fett unter dem Kinn. Die Spritzen sind für kleine, umschriebene Fettpolster gedacht und kein Mittel zum Abnehmen.