Was ist Spiegeltherapie?
Spiegeltherapie nutzt das Sehen, um Bewegungen anzubahnen. Dazu wird ein Spiegel so in der Körpermitte aufgestellt, dass die Bewegungen des gesunden Arms als Bewegungen des betroffenen Arms wahrgenommen werden. Dasselbe Prinzip lässt sich auch für die Beine nutzen.
Durch diese Anordnung werden laut einer Cochrane-Übersicht verschiedene Hirnregionen für Bewegung, Gefühl und Schmerz angeregt. Wie die Spiegeltherapie genau wirkt, ist allerdings bis heute unklar.
Woher kommt die Spiegeltherapie?
Die Idee stammt aus der Forschung zu Phantomgliedern. 1996 stellten Vilayanur S. Ramachandran und Diane Rogers-Ramachandran von der University of California in San Diego eine einfache, kostengünstige Spiegelbox vor. Ein senkrecht aufgestellter Spiegel ließ das Spiegelbild der gesunden Hand genau dort erscheinen, wo die Betroffenen ihre fehlende Hand spürten.
Fünf der zehn Untersuchten hatten schmerzhafte, verkrampfte Phantomhände. Bei vier von ihnen lösten sich die Krämpfe, als sie mithilfe des Spiegels die Phantomhand „öffnen“ konnten. 1999 beschrieb eine Gruppe um Eric Altschuler und Ramachandran, wie sich ein Spiegel auch zur Rehabilitation von Halbseitenlähmungen nach einem Schlaganfall einsetzen lässt.
Wie läuft eine Spiegeltherapie ab?
Die Person sitzt so, dass sie im Spiegel ihre gesunde Seite sieht, während die betroffene Seite hinter dem Spiegel liegt. Bewegt sie die gesunde Hand, entsteht der Eindruck, die betroffene Hand bewege sich normal. Die Übungen werden mit Physio- oder Ergotherapeut:innen erarbeitet.
In den Studien zum Schlaganfall wurde drei- bis siebenmal pro Woche geübt, je 15 bis 60 Minuten lang, über zwei bis acht Wochen. Im Durchschnitt waren es fünf Einheiten zu 30 Minuten pro Woche über vier Wochen.
Was sagen Studien?
Am besten untersucht ist die Spiegeltherapie nach einem Schlaganfall. Eine Cochrane-Übersicht aus 2018 umfasste 62 Studien mit knapp 2.000 Teilnehmenden. Sie fand mit mäßiger Sicherheit, dass Spiegeltherapie die Bewegungsfähigkeit und alltägliche Aktivitäten verbessert, zumindest als Ergänzung zur üblichen Rehabilitation. Die Hinweise auf weniger Schmerzen betrafen vor allem Menschen mit CRPS und waren wenig verlässlich.
Auf eine Vernachlässigung einer Seite des Sehfelds (Neglect) zeigte sich keine eindeutige Wirkung. Unerwünschte Wirkungen wurden nicht berichtet, viele Studien waren aber klein.
Eine evidenzbasierte Empfehlung der Medizinischen Universität Graz aus 2023 kommt zu einer schwachen Empfehlung für Menschen mit Lähmung eines Arms nach einem Schlaganfall. Ob die Methode im Einzelfall passt, soll demnach das Behandlungsteam entscheiden.
Bei Phantomschmerzen sind die Ergebnisse widersprüchlich. Eine Metaanalyse aus 2022 fand eine kurzfristige Schmerzlinderung im ersten Monat, für längere Zeiträume fehlten Daten. Eine Übersicht aus 2023, die nur Vergleiche mit Scheinbehandlungen einschloss, konnte dagegen keine Wirkung belegen.
Beim CRPS nach einem Schlaganfall deutete eine Cochrane-Übersicht aus 2016 auf spürbare Verbesserungen von Schmerzen und Funktion hin, gestützt auf nur zwei kleine Studien mit sehr geringer Aussagekraft. In der Aktualisierung von 2022 blieb die Wirkung physiotherapeutischer Verfahren beim CRPS sehr unsicher.
Wer bietet Spiegeltherapie in Österreich an?
Spiegeltherapie bieten vor allem Physiotherapeut:innen und Ergotherapeut:innen an. Beide zählen in Österreich zu den gehobenen medizinisch-therapeutisch-diagnostischen Gesundheitsberufen. Bei der Krankenbehandlung arbeiten sie nach ärztlicher Anordnung.
Für eine teilweise oder vollständige Kostenübernahme durch die Sozialversicherung ist in der Regel eine ärztliche Verordnung nötig. Ohne Verordnung ist die Behandlung eine Privatleistung.