Was ist Entwicklungspsychologie?
Die Entwicklungspsychologie beschreibt und erklärt Veränderungen, die von Alter oder Lebensabschnitt abhängen. Bei Kindern betrifft das körperliche, geistige und emotionale Fähigkeiten, also etwa Bewegung, Sprache, Denken und soziales Verhalten. Gefragt wird auch, was Entwicklung möglich macht, etwa die biologische Ausstattung und die Weitergabe von Kultur.
Wie schnell sich ein Kind entwickelt, ist sehr unterschiedlich. Einfluss haben unter anderem Vererbung, Ernährung, die Anregung aus der Umgebung und körperliche Einschränkungen. So kann etwa Taubheit die Sprachentwicklung verlangsamen.
Woher kommt die Entwicklungspsychologie?
Als die wissenschaftliche Psychologie im späten 19. Jahrhundert entstand, untersuchte sie zunächst vor allem Erwachsene. Nur rund zehn Jahre nach der Gründung von Wilhelm Wundts Laboratorium in Leipzig richtete James Baldwin in Toronto ein eigenes Labor ein. Dort wurde auch die geistige Entwicklung erforscht. Baldwins Arbeit regte später Jean Piaget an, eine der prägenden Figuren des Fachs. Piaget stützte sich unter anderem auf Beobachtungen seiner drei Kinder.
Eine enge Verbindung zu Österreich hat Charlotte Bühler. Sie kam 1922 mit ihrem Mann Karl Bühler nach Wien und arbeitete am neu gegründeten Psychologischen Institut der Universität. Von der Kinderpsychologie ausgehend erforschte sie anhand von Tagebüchern die Jugend und machte schließlich den ganzen Lebenslauf zum Gegenstand der Entwicklungspsychologie. 1932 entwickelte sie die ersten Säuglingstests, später folgten Tests zur Schulreife. 1938 vertrieben die Nationalsozialisten das Ehepaar Bühler aus der Universität.
Wie wird Entwicklung erforscht?
Entwicklungsforschung arbeitet mit vielen verschiedenen Methoden, weil klassische Experimente an Kindern an Grenzen stoßen. Aus ethischen Gründen sind Versuche verboten, die Kinder belasten könnten. Darum nutzt das Fach neben Experimenten auch Beobachtungen im Alltag, Feldforschung und Berichte von Eltern. Charlotte Bühler und ihr Team setzten früh auf Interviews und auf die Erforschung von Lebensläufen.
Bei Säuglingen werden etwa Blickzeiten gemessen. Sieht ein Baby einen Reiz immer wieder, schaut es kürzer hin, bei einem neuen Reiz wieder länger. Daraus lässt sich ablesen, ob es zwei Reize unterscheiden kann. Ob sich manche solcher Befunde zuverlässig wiederholen lassen, wird in der Fachwelt weiter diskutiert.
Was bedeutet das für den Alltag?
Ärzt:innen orientieren sich an sogenannten Meilensteinen, also dem Alter, in dem die meisten Kinder eine bestimmte Fähigkeit beherrschen. Wann ein Kind einen Meilenstein erreicht, schwankt allerdings stark. Einzelne Fähigkeiten entwickeln sich zudem unterschiedlich schnell, so kann ein Kind spät laufen, aber früh in ganzen Sätzen sprechen. Auch ein vorübergehender Stillstand, etwa beim Sprechenlernen, kommt vor.
In Österreich begleiten die Kindesuntersuchungen im Eltern-Kind-Pass die Entwicklung von der Geburt bis zum Schuleintritt. Sie prüfen je nach Alter etwa Bewegung, Hören und Sprache oder das soziale Verhalten, um Auffälligkeiten rechtzeitig zu erkennen.
Wer hilft bei Fragen zur Entwicklung?
Bei Entwicklungsstörungen von Kindern und Jugendlichen können Klinische Psycholog:innen diagnostisch abklären, behandeln und begleiten. Manche haben sich auf Kinder-, Jugend- und Familienpsychologie spezialisiert, andere auf Gerontopsychologie, also auf das höhere Lebensalter. Für die Abklärung auf Kassenkosten braucht es in der Regel eine ärztliche oder psychotherapeutische Überweisung.